Frei...(?)!
Kaum zu denken, doch zu spüren: frei...
Es ist vorbei.
 
Und schwer, genau zu fassen, welchen Zeitabschnitt ich damit meine: der nun fast auf den Punkt genau 10 Jahre seit ich meinen Laden dicht gemacht habe?
Oder die 23 Jahre, mit denen im Grunde alles begann als ich mich damals auch aus Furcht vor der Akademikerarbeitslosigkeit selbständig machte?
Oder doch erst die 15 Jahre, mit denen 1996 die Abwärtsspirale meines Geschäftes...
 
Müßige Diskussion.
 
Zehn Jahre jedenfalls schob ich den Berg meiner Verbindlichkeiten vor mir her, geschmälert durch die Lohnpfändungen, anwachsend durch Zins und Zinseszins.
Man hätte eine kleine Eigentumswohnung kaufen können, was an Schulden übrig blieb von einem Geschäft, in dem ich in Spitzenzeiten im Jahr eine dreiviertel Milliuon umsetzte.
 
Von sowas muss man loslassen lernen.

Wie Musiker, die mal im Fernsehen, Sportler, die mal bei Olympia, Politiker, die mal in einer Regierung waren. Eine riesengroße verführerische Falle, in der Vergangenheit zu erstarren. Ich bilde mir ein, diese Klippen weitestgehend umschifft zu haben; und nun bin ich schon 3 Monate von allen Verbindlichkeiten befreit. Anfang Juni zahlte ich meinen letzten Gläubiger aus.
 
Frei...
 
Anfangs konnte ich den Zustand gar nicht richtig denken. Schon der doch lapidare Gedanke an die Eigenbeteiligung für eine Zahnbehandlung war früher nicht zu Ende zu denken: Investitionsrückstände in Gesundheit, davon habe ich eine Menge...
 
Leben am Limit - nach Unten
 
Ein paar Schuhe mal nicht vom Discounter, eine Jacke mal nicht vom Lohndumper, oder: einfach mal wieder auswärts essen gehen -befremdliche Gedanken, nach so vielen Jahren.
 
Keine Ahnung dabei, wie es ohne den Befreiungsschlag weiter gegangen wäre, doch ein klarer Instinkt dafür, wie schädlich täglich praktizierter Minimalismus für das innere Gleichgewicht ist.
 
Grenzen, die beschränkt machen können
 
Zwar lebte ich nie über meine Verhältnisse, und der Umstand, in der Phase des geschäftlichen Niedergangs alles in mein kleines Unternehmen zu reinvestieren tröstet mich mit dem Gedanken alles erdenklich versucht zu haben, bevor ich die Wafen streckte, aber die Ausenstände obsiegten über jeden Versuch, die Verantworlichkeit dann und wann leugnen zu wollen. Und immerhin bin ich aus der Pleite in einen Job geglitten, der mich ernährte und meine Insolvenzbewältigung ertragen half. Auch wenn die etablierten Kollegen dieses Unternehmens gut 1/3 mehr an Gehalt mit nach Hause nahmen.
 
Wie eine neue Welt...
 
Nun also endlich frei. Nicht nur, dass ich endlich auch mal in ein Stück moderner Technologie investieren konnte, ein nagelneues Netbook statt wie sonst gebrauchte Güter mit beschränkter Lebensdauer, sogar erspartes habe ich nun schon: wie ein Silberstreif zeigt sich mir die Aussicht auf einen richtigen Urlaub; trotz ansehender Zahnarztrechnung.
 
Das Gegenteil von Nachtruhe
 
Die Nächte werden allmählich wieder erholsamer: in den letzten Wochen kaum Schlaf, der mich erlöste. Aufwühlende Träume, teilweise von abgeschlossen geglaubten Kapiteln meiner Zeit als Olivenhändler suchten mich heim. Und auch wenn sie sich alle in ihren Konfliktthemen zum Erwachen positiv auflösten, so erschöpften diese aufgestauten Verdrängungen mich fast mehr, als dass der Schlaf, in den sie gebettet waren, mir Erholung gegeben hätte.
 
Und meine Weggefährten...?
 
Bald machte ich mir eine Liste: es gibt nicht nur Menschen, mit denen ich täglich Umgang habe, es gibt auch eine Menge, die mir nahe stehen obwohl ich sie nur selten sehe. Freunde wie Arbeitskollegen oder Vorgesetzte haben in den vergangenen 10 Jahren auch meiner Situation genommen. Diese in die so deutlich spürbare Veränderung meiner Lebenssituation nun mit einzuweihen war mir so wichtig wie der Beistand, den ich in diesen Zeiten von manchen erfuhr; auf der anderen Seite -und auch da gab es eine Art Liste- diejenigen,die sich, und wenn auch aus Überforderung, einen Bankrotteur zu kennen, abgewandt hatten, als ob es eine ansteckende Krankheit wäre. Mehr eine Merkliste...
 
Aus gutem Grund zu Letzt!
 
Ist dabei vielleicht wichtig zu erwähnen: die Frau, die kurz nachdem ich meinen Laden dicht machte, kennen lernte, die sich von meinem Makel nicht beirren ließ, und mit der ich vor sechs Jahren zusammen zog, die also in diesen schwierigen Phasen zu mir stand. Es geht uns nun noch besser, im Miteinander, als je zuvor.
 
Wie gesagt: ich kann diese neue Situation bisweilen gar nicht richtig denken!
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Kommentare | 1 bis 16 von 16 Kommentieren
02.09.2011 | 15.24 Uhr | Taxania franxville
 
Glückwunsch für Deinen Erfolg. Eines kann Dir niemand nehmen und nur wenigenachempfinden, ein Tal durchschritten zu haben, die eignen Zweifel bewältigt zu haben.
 
Dabei stelle ich fest, Du bist ein Gewinner! Du hast eine Verständnisvolle Partnerin, die Dich stärkte gefunden. Das sit die Grundlage Deines Erfolges.
 
Ich stelle das mit dieser Bestimmtheit fest, weiß ich doch wovon ich rede und was Du erlebt hast. Allerdings beinhaltet das auch eine Gefahr! Dies Risiko, sich zu schnell an die gewonnene Freiheit zu gewöhnen und neue Begehrlichkeiten zu entwickeln.
 
Aber auch das wirst Du bestens meisten.
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01.09.2011 | 16.16 Uhr | Heinz K Dann erzähl mir, was ich noch wissen sollte :)
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31.08.2011 | 20.28 Uhr | Profil gelöscht Im Unterschied zu Dir kennen wir den Frankville schon seit einigen Jahren persönlich!!!
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31.08.2011 | 12.50 Uhr | Heinz K @maibowle
Muss ich denn all das persönlich erfahren um mitreden zu können? Ich bezweifel, daß all die Glückwunschbekunder hier ähnliches erlebt haben, ganz gleich wie alt sie sind, und trotzdem sich dazu äußern.
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30.08.2011 | 21.42 Uhr | A-Jay Ich habe deine Zeilen mit Freuden gelesen und freue mich für dich, Franxie-Boy ;-)
 
Wenn der September vorbei ist und die Uhren in Köln anstatt der Uhren in São Paulo wieder mein Mittelpunkt der Welt sind, sollten wir wieder einmal ein "Männerbier U60" trinken gehen. ;-))
 
Viele Grüße und ... Chapeau!
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30.08.2011 | 14.39 Uhr | Profil gelöscht na ja heinz k,
 
wenn Du wirklich erst 26 bist, kannst Du ja noch nicht viel Erfahrung haben oder?
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30.08.2011 | 14.17 Uhr | Heinz K Klingt für mich jetzt nicht so wie ein Riesenberg, den man hätte bewältigen müssen. Höre fast täglich von schlimmeren Schicksalen, aber nichts für ungut :)
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30.08.2011 | 08.24 Uhr | Appels Ejon Leider müssen wir immer wieder mitansehen, wie der "Einzelkämpfer" versucht, sein Geschäft, seine Existenz oft auch die Existenz seiner Mitarbeiter verzweifelt zu retten.
 
Glück hat, wer den Untergang einigermassen glimpflich ohne Schaden zu nehmen, sei es psychischer oder gesundheitlicher Art verkraftet.
 
Ich wünsche Dir nun bessere Jahre und eine geruhsamere glücklichere Zukunft
 
Mach ett juhd
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29.08.2011 | 22.52 Uhr | Profil gelöscht Auch von mir hier noch mal herzlichen Glückwunsch.
 
Maibowle
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29.08.2011 | 22.51 Uhr | Gipsy Alle Achtung, so vieles durchgestanden und gemeistert!
"Hut zieh" und viel Glück für die kommenden Jahre.
Carpe diem
wünscht Gipsy
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29.08.2011 | 21.51 Uhr | Zabaione Ja nochmals Herzliche Glückwünsche!!!
 
Ein neuer Lebensabschnitt beginnt!
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29.08.2011 | 21.35 Uhr | ing.lambertz Hallo fanxville,
 
da hast du ja ein beziehungsreiches Bild gewählt: Der Tauzieher. ;-).
 
Na, denn mal tau.
 
Gruß Lemm(y)i
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29.08.2011 | 21.22 Uhr | franxville Knapp daneben ist auch vorbei: VWL...
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29.08.2011 | 20.58 Uhr | checkmate Mal eine bescheidene Frage: Was hättest du denn beinahe studiert. Wahrscheinlich BWL?
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29.08.2011 | 19.59 Uhr | Roeschen Da kann ich mich Dhorade nur anschließen, FRanxie...Da kann man sich nur mitfreuen. Und ja Bankrotterklärungen seitens Freunde, Bekannte, Verwandte etc.etc. gibt es ja immer, manchma sind es die eigenen Projektionen derer, die einen für Bankrott erklären oder Abstand, Distanz, wie auch immer, nehmen. Letztendlich muß man für sich selber stehen. Man weiß wer man ist und wie schwer das Leben ist, das man gerade führt. Und wer darf sich schon anmaßen von außen ein Urteil zu fällen.
 
Leben am Limit...Ich hoffe mal, das geht bei mir auch irgendwann wieder mal vorbei. Du machst mir Hoffnung.
 
Allerdings hab ich es selber nicht so schwer, hin- und wieder überfällt mich mal eine kleine Verzweiflung, aber im Großen und Ganzen nehme ich das Schwere leicht, wie der seelige Hans-Dieter Hüsch es einmal gesagt hat.
 
DD und lieben Gruß
 
Roeschen
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29.08.2011 | 19.50 Uhr | dhorade85 Da hört man regelrecht die Steine vom Herzen plumpsen, herzlichen Glückwunsch zum neuen Lebensabschnitt! Und dass es auch in Krisenzeiten Menschen gibt, die zu einem halten, ist eine schöne Erfahrung. Viel Freude mit Deiner neuen Freiheit, geniesse sie!
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