Als freie Journalistin, hatte sie geträumt, würde sie alle Möglichkeiten haben.
Sie hatte sich nicht an ein Unternehmen binden wollen, hatte immer nur Aufträge abgearbeitet und sich dann nach neuen Herausforderungen umgesehen.
Im naturwissenschaftlichen Bereich hatte sie sich einen Namen gemacht, sie rezensierte Fachartikel und bücher und hatte ein erkleckliches Einkommen.
Auf einer ihrer vielen Reisen innerhalb und außerhalb Europas lernte sie ihren Mann kennen. Ebenfalls Journalist, frei und ungebunden, erfolgreich, und es schien die große Liebe zu sein.
Schien, muss sie heute sagen, denn: die Beziehung hielt schließlich den Säugling nicht aus, der sich als so genanntes Schrei-Kind oder Schrei-Baby „herausstellte“. Egal wie viele Artikel sie über „Schrei-Babies“ gelesen hatte, egal, in welcher Ambulanz sie mit dem Kind vorstellig wurde: es half alles nichts.
Aus war es mit der Freiheit des Arbeitens daheim. Oft wünschte sie sich insgeheim, sie hätte einen festen Arbeitsplatz, irgendwo, in einem Verlag, bei einer Zeitung… nur raus aus dem Haus. Nur ein paar Stunden lang das nervende und fordernde und scheinbar ständig um Hilfe flehende Schreien nicht hören. Das Kind eventuell zur Pflegemutter während ihrer Berufstätigkeit, aber so….
So opferte sie sich auf für das Kind, vernachlässigte ihre Kontakte. Jedenfalls empfand sie es so. Die privaten und die geschäftlichen Kontakte lagen nicht nur brach, es schien sie gar nicht mehr zu geben. Der erfolgreiche Mann wollte seinen Beruf nicht gefährden und verließ sie. Wenn er gerade Geld hatte, zahlte er für das Kind. Seit längerem liefen aber auch seine Aufträge nicht mehr so gut… die Unterhaltszahlungen ließen auf sich warten.
Sie rezensierte nach wie vor Fachliteratur, aber es machte ihr keinen wirklichen Spaß mehr. Bei einer großen Zeitung konnte sie einen Mini-Job ergattern, aber der bereitete ihr alles andere als Vergnügen, sondern nur zusätzlichen Stress. Nach und nach verlor sie jegliche Freude und wurde hart und bitter. Sie haderte mit dem Leben und fragte sich, ob das Kind alles „schuld“ sei. Im gleichen Moment war sie sich des Un-Sinns dieser Fragestellung bewusst, und dennoch tauchten solche Fragen vermehrt in ihr auf.
Eigentlich wollte sie so nicht sein, aber sie gestand sich solche Fragen immerhin ein. Diese Fragen waren da, und warum sollte sie sie weg stecken? Das Kind schrie immer noch, und sie beschäftigte sich noch differenzierter mit den „Schreikindern“. Vor allem aber damit, was Schrei-Kinder bei ihren Eltern bewirken können, ohne es zu wollen, ohne dass irgendjemand „schuld“ ist. Die Nachbarn sahen sie ja immer so an, als ob… Aber dagegen panzerte sie sich ab, wurde wortkarg ihnen gegenüber. Die Freunde konnten das schreiende Kind sowieso nicht ertragen, sie kamen gar nicht mehr. Sie wusste, dass all dies irgendwann vorbei sein würde; ihr war bewusst, dass niemand „schuld“ war, und doch ging sie, wie es so schön heißt, auf dem Zahnfleisch.
Ihr Beruf, früher heiß geliebt, schien ihr zu entgleiten. Das Kind auch, denn ihre ambivalenten Gefühle waren für alle Beteiligten spürbar, auch wenn sie sich noch so anstrengte.
Am Zenit ihrer Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung angelangt, warf sie alles in die Waagschale. Das Kind kam stundenweise zu einer Pflegemutter. Sie hat in der ersten Zeit, wenn das Kind nicht bei ihr war, fast nur geschlafen.
Die Suche nach einer befriedigenden Anstellung bei einem Verlag scheiterte wider Erwarten, denn man hatte ihr Hoffnung gemacht, dass sie auch mit einem Tele-Arbeitsplatz für die Firma arbeiten könne.
Eines Tages setzte sie sich hin und schrieb drauflos. Voller Ehrlichkeit berichtete sie, authentischer als ich es hier könnte, von ihrem Leben mit einem Schrei-Kind.
Ihre bisherigen Zeilen sind erschreckend und berührend zugleich. Sie sind ehrlich und packen den Leser, zeugen trotz aller Ambivalenz von ihrer großen Liebe zu ihrem Kind.
Ich wünsche ihr einen Verlag, der ihr Buch verlegt. Nicht nur, damit sie wieder Geld verdient. Für ihre Bestätigung, dass sie immer noch eine gute Journalistin ist, auch wenn oder gerade weil sich ihre „Interessensgebiete“ gewandelt haben.
Übrigens: das Leben mit dem Schreikind ist nach wie vor anstrengend. Aber mit Hilfe ihres „persönlichen“ Schreibens hat sie vieles verstehen gelernt.
Auch wenn alles anders kam, als sie es geplant hatte.
Informationen und Erfahrungen zum „Schrei-Baby“ gibt es mannigfach im Netz, u.a. hier. Auf der zitierten Seite wird deutlich, dass es neben der Hilflosigkeit und der Angst um das Kind (hat der Arzt vielleicht etwas übersehen, hat das Kind Schmerzen?) die Schlaflosigkeit ist, die in die Spirale der Hilflosigkeit führt.
Sie hatte sich nicht an ein Unternehmen binden wollen, hatte immer nur Aufträge abgearbeitet und sich dann nach neuen Herausforderungen umgesehen.
Im naturwissenschaftlichen Bereich hatte sie sich einen Namen gemacht, sie rezensierte Fachartikel und bücher und hatte ein erkleckliches Einkommen.
Auf einer ihrer vielen Reisen innerhalb und außerhalb Europas lernte sie ihren Mann kennen. Ebenfalls Journalist, frei und ungebunden, erfolgreich, und es schien die große Liebe zu sein.
Schien, muss sie heute sagen, denn: die Beziehung hielt schließlich den Säugling nicht aus, der sich als so genanntes Schrei-Kind oder Schrei-Baby „herausstellte“. Egal wie viele Artikel sie über „Schrei-Babies“ gelesen hatte, egal, in welcher Ambulanz sie mit dem Kind vorstellig wurde: es half alles nichts.
Aus war es mit der Freiheit des Arbeitens daheim. Oft wünschte sie sich insgeheim, sie hätte einen festen Arbeitsplatz, irgendwo, in einem Verlag, bei einer Zeitung… nur raus aus dem Haus. Nur ein paar Stunden lang das nervende und fordernde und scheinbar ständig um Hilfe flehende Schreien nicht hören. Das Kind eventuell zur Pflegemutter während ihrer Berufstätigkeit, aber so….
So opferte sie sich auf für das Kind, vernachlässigte ihre Kontakte. Jedenfalls empfand sie es so. Die privaten und die geschäftlichen Kontakte lagen nicht nur brach, es schien sie gar nicht mehr zu geben. Der erfolgreiche Mann wollte seinen Beruf nicht gefährden und verließ sie. Wenn er gerade Geld hatte, zahlte er für das Kind. Seit längerem liefen aber auch seine Aufträge nicht mehr so gut… die Unterhaltszahlungen ließen auf sich warten.
Sie rezensierte nach wie vor Fachliteratur, aber es machte ihr keinen wirklichen Spaß mehr. Bei einer großen Zeitung konnte sie einen Mini-Job ergattern, aber der bereitete ihr alles andere als Vergnügen, sondern nur zusätzlichen Stress. Nach und nach verlor sie jegliche Freude und wurde hart und bitter. Sie haderte mit dem Leben und fragte sich, ob das Kind alles „schuld“ sei. Im gleichen Moment war sie sich des Un-Sinns dieser Fragestellung bewusst, und dennoch tauchten solche Fragen vermehrt in ihr auf.
Eigentlich wollte sie so nicht sein, aber sie gestand sich solche Fragen immerhin ein. Diese Fragen waren da, und warum sollte sie sie weg stecken? Das Kind schrie immer noch, und sie beschäftigte sich noch differenzierter mit den „Schreikindern“. Vor allem aber damit, was Schrei-Kinder bei ihren Eltern bewirken können, ohne es zu wollen, ohne dass irgendjemand „schuld“ ist. Die Nachbarn sahen sie ja immer so an, als ob… Aber dagegen panzerte sie sich ab, wurde wortkarg ihnen gegenüber. Die Freunde konnten das schreiende Kind sowieso nicht ertragen, sie kamen gar nicht mehr. Sie wusste, dass all dies irgendwann vorbei sein würde; ihr war bewusst, dass niemand „schuld“ war, und doch ging sie, wie es so schön heißt, auf dem Zahnfleisch.
Ihr Beruf, früher heiß geliebt, schien ihr zu entgleiten. Das Kind auch, denn ihre ambivalenten Gefühle waren für alle Beteiligten spürbar, auch wenn sie sich noch so anstrengte.
Am Zenit ihrer Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung angelangt, warf sie alles in die Waagschale. Das Kind kam stundenweise zu einer Pflegemutter. Sie hat in der ersten Zeit, wenn das Kind nicht bei ihr war, fast nur geschlafen.
Die Suche nach einer befriedigenden Anstellung bei einem Verlag scheiterte wider Erwarten, denn man hatte ihr Hoffnung gemacht, dass sie auch mit einem Tele-Arbeitsplatz für die Firma arbeiten könne.
Eines Tages setzte sie sich hin und schrieb drauflos. Voller Ehrlichkeit berichtete sie, authentischer als ich es hier könnte, von ihrem Leben mit einem Schrei-Kind.
Ihre bisherigen Zeilen sind erschreckend und berührend zugleich. Sie sind ehrlich und packen den Leser, zeugen trotz aller Ambivalenz von ihrer großen Liebe zu ihrem Kind.
Ich wünsche ihr einen Verlag, der ihr Buch verlegt. Nicht nur, damit sie wieder Geld verdient. Für ihre Bestätigung, dass sie immer noch eine gute Journalistin ist, auch wenn oder gerade weil sich ihre „Interessensgebiete“ gewandelt haben.
Übrigens: das Leben mit dem Schreikind ist nach wie vor anstrengend. Aber mit Hilfe ihres „persönlichen“ Schreibens hat sie vieles verstehen gelernt.
Auch wenn alles anders kam, als sie es geplant hatte.
Informationen und Erfahrungen zum „Schrei-Baby“ gibt es mannigfach im Netz, u.a. hier. Auf der zitierten Seite wird deutlich, dass es neben der Hilflosigkeit und der Angst um das Kind (hat der Arzt vielleicht etwas übersehen, hat das Kind Schmerzen?) die Schlaflosigkeit ist, die in die Spirale der Hilflosigkeit führt.
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08.02.2010 | 00.21 Uhr | Anita Brandtstäter
Super geschrieben, Paula.
Toll, dass Du den Blog wieder mit Deinen Beiträgen bereicherst!
Schöne Woche
Anita
Toll, dass Du den Blog wieder mit Deinen Beiträgen bereicherst!
Schöne Woche
Anita
06.02.2010 | 12.58 Uhr | Hajo4711
Ach Paula, wieder mal was Tolles von Dir.
Was mir daran so gut gefällt?
Es macht auf nachvollziehbare Weise deutlich, welcher Belastung Mütter (mehr als Väter) ausgesetzt sind, die die Mehrfach-Jobs an den Rand des Wahnsinns bringen. Zum Schluss wissen sie nicht mehr, ob Sie Mutter, Geliebte oder Berufsfrau sind.... Modern Times, oder?
Ich vermute übrigens, dass stabile Beziehungen solche Belastungen meistern. Das wissen wir leider manchmal erst nachher (ich weiß, wovon ich schreibe)
Liebe Grüße
Hajo
Was mir daran so gut gefällt?
Es macht auf nachvollziehbare Weise deutlich, welcher Belastung Mütter (mehr als Väter) ausgesetzt sind, die die Mehrfach-Jobs an den Rand des Wahnsinns bringen. Zum Schluss wissen sie nicht mehr, ob Sie Mutter, Geliebte oder Berufsfrau sind.... Modern Times, oder?
Ich vermute übrigens, dass stabile Beziehungen solche Belastungen meistern. Das wissen wir leider manchmal erst nachher (ich weiß, wovon ich schreibe)
Liebe Grüße
Hajo
06.02.2010 | 10.54 Uhr | Roland Oeser
Selber Vater von 2 Kindern, wobei die Tochter (Erstgeborene) total pflegeleicht war, habe ich das mit meinem Sohn 1984/85
auch mit gemacht. Auch hier führte die nervliche Belastung für Mutter und Vater zu Situationen, die zum Scheitern der eh nicht mehr ganz stabilen Ehe mit beitrugen. Seltsamerweise war es nach dem ersten Jahr auf einen Schlag mit der Schreierei vorbei. Kann das deshalb so genau sagen, weil die Kinder die ersten 14 Jahre jedes Wochenende (oft von Freitag nachmittag bis Sonntag abend) bei mir waren. Man ist, wenn ein Schreikind da ist, hilflos.
Man weiss nicht, was es hat, ist genervt, das Kind tut einem leid,
und wünscht sich nur eins: Es möge aufhören!
Roland Oeser
auch mit gemacht. Auch hier führte die nervliche Belastung für Mutter und Vater zu Situationen, die zum Scheitern der eh nicht mehr ganz stabilen Ehe mit beitrugen. Seltsamerweise war es nach dem ersten Jahr auf einen Schlag mit der Schreierei vorbei. Kann das deshalb so genau sagen, weil die Kinder die ersten 14 Jahre jedes Wochenende (oft von Freitag nachmittag bis Sonntag abend) bei mir waren. Man ist, wenn ein Schreikind da ist, hilflos.
Man weiss nicht, was es hat, ist genervt, das Kind tut einem leid,
und wünscht sich nur eins: Es möge aufhören!
Roland Oeser
05.02.2010 | 15.29 Uhr | Browning
Och... ehrlich gesagt, ich bin froh, dass ich so etwas nicht erlebt habe. Meine Tochter war genau das Gegenteil. Immer ruhig (nicht passiv und nicht gleichgültig, sondern einfach ruhig), immer freudig, immer intensiv mit irgendwas beschäftigt (Spielsachen und so), ohne dass man dabei unbedingt mitmachen musste. Sie hat auch von Geburt an (fast) alle Nächte gut durchgeschlaffen, und zwar wirklich NÄCHTE. Tagsüber war sie wach und aktiv. Dabei habe ich gar nichts dafür getan, es passierte alles von selbst. Aber zwei oder drei mal war es so, dass das Kind Bauchschmerzen hatte. Und beim ersten Zähnen war es auch ein paar Tagen problematisch... Fieber, Schmerzen, Schreien... Es half gar nichts, bis die Sache vorbei war... Und das war wirklich die Hölle. Das kann wirklich überfordern und zu Depressionen bei der Mutter führen. Und auf Dauer... das kann ich mir gar nicht vorstellen. Paula, ich wünsche Deiner Freundin viel Kraft. Durchhalten. Es wird vorbei. Hauptsache, ohne Schaden rauskommen.
05.02.2010 | 11.40 Uhr | Gohrisch
Schließe mich inhaltlich voll dem User "fünf"an.
Einfach super.
Einfach super.
05.02.2010 | 11.09 Uhr | fuenf
da bleibt mir dir sprache weg ...

















