„Schtalles o.k.“ -Zeitsprung ins Joch
Ein alter, maroder Hof, Handarbeit wie vor 100 Jahren, ein einsamer und grantiger Bauer, dem selbst der einzige Knecht vor Jahren davongelaufen ist, und viel, viel zu tun.
Pittoresk und steil schraubt sich die einzige Straße vom touristengeprägten Latsch am Etsch hoch ins schmale Martelltal, jenes, das angeblich über seine Grenzen hinaus für seine Erdbeeren bekannt ist. Am Taleingang erhebt sich auf einem Hügel wuchtig die Ruine der Trutzburg „Mondiani di Sopra“ aus längst vergangener Zeit und verschließt den Blick ins Martelltal wie ein großer Korken den Blick in die Weinflasche. Der von hier aus gesehen nächst größere Ort ist Naturns in 15 Kilometern östlicher Entfernung, dessen „weltweiter“ Ruf im Vinschgau vor allem auf Äpfeln gründet, die glaubt man der Werbung- schon Adam kannte, und auf dem „Apfelfest der Jungbauern“ im Juni jedes Jahres.
Rechts und Links der meist einspurigen Via aufwärts ins Tal sind die den Bergen abgetrotzten Wiesen noch grün, die Weiden saftig und die braunen Kühe ebenso glücklich wie die freilaufenden Hühner. Die Dörfchen sind so klein, dass sich die Hausnummer auf die gesamte Ansiedlung beziehen, nicht auf einen Straßennamen. Im Radio (Teleradio Vinschgau) läuft Sailors „Girls, Girls, Girls“ als aktuellste Darbietung der musikalischen Neuzeit, und die Marteller glauben unerschütterlich fest an den Weckruf des Hahns und den Ruf ihrer Erdbeeren wie die Naturnser an die Mär von Adams Apfel.
Die Zeichen der Zeit störrisch verschlafen
Irgendwo circa 15 Kilometer hinter dem Lagerhaus der Marteller Erdbeergenossenschaft, nicht weit hinter dem Zufritt-Bergsee, endet die kleine, von Äckern gesäumte Straße im Nichts .- dazwischen liegen etwa 1500 Höhenmeter, bis zu 13 Prozent Steigung und 15 Grad Temperaturunterschied was eine spätere Obsternte als in der Ebene „unten“ garantiert. Und weil das so ist, werden überall auf dem Weg zum Nichts auf den vorhandenen Steilhanggrundstücken „Grummen“ (Erdbeeren) angebaut. Noch nicht allzu lange, vielleicht seit dreißig Jahre, aber seit diesem Zeitpunkt versuchen die ansässigen Bauern, sich ein großes Stück vom einträglichen „Erdbeerkuchen“ ab zu schneiden. Nicht immer mit viel Erfolg, aber immer mit viel Arbeitsaufwand.
Viel zu tun, dies gilt insbesondere für jene Bauern, die die Zeichen der Zeit störrisch verschlafen haben, die zu alt oder geizig für massive Investitionen in den Hof sind oder deren Grundstücke an derart steilen Hängen liegen, dass eine maschinelle Bearbeitung schlicht nicht möglich ist.
Jakob Untergrainer (*Name geändert), auf dessen Hof Stefanie, meine Frau, und ich freiwillig für vier Wochen arbeiten, ist so einer. Ein drahtiger, kräftiger Mann mit groben Händen im groben Wollpullover und richtig schmutzigen Fingernägeln. Einer, der zur Höchstform aufläuft, wenn es schwer und schweißtreibend wird. Mittlerweile knapp sechzig Jahre alt und neben zweier älterer Schwestern der einzige, als drittes Kind der ersehnte Sohn in der alteingesessenen Familie. Und daher war Jakob auch derjenige, der nach dem Tod der Eltern den Hof oben auf dem Hang am Waldrand nebst einigen Äckern auf 1800 Metern Höhe weiterführen sollte und unbedingt weiterführen wollte. Weil er nie etwas anderes gelernt hatte, nie etwas anderes hatte tun wollen. Aus Leidenschaft. Auf eigene Faust, dickköpfig und lebenslang. Dem einzigen Interimsknecht wurde irgendwann die Arbeit zuviel, er verschwand auf Nimmerwiedersehen.
Der Hof hat seine beste Zeit schon lange hinter sich
Sein Hof wirkt 2011 wie aus dem Bilderbuch des beginnenden 20. Jahrhunderts, ist aber tatsächlich 200 Jahre älter, ein Hof mit Stube und Scheune, Werkstatt, Kräutergärtchen und Hofhund - aber auch ein Hof, der seine beste Zeit schon lange hinter sich hat.
Eine Traumlage mit Fernsicht inmitten einiger Wiesen, die steil abfallen und deshalb nicht mit Maschinen, sondern mühsam per Hand und Muskelkraft gemäht werden müssen.
An Vieh ist im Laufe der Zeit übrig geblieben: Zwei Kühe und einige Schafe, deren Fleisch für den Eigenbedarf verarbeitet und eingefroren wird, aus deren Milch Jakob Käse herstellt ebenfalls nur für den Eigenbedarf. Übrig sind auch einige Hühner weil der Fuchs das zuließ. Die Arbeit mit einer neuen, jungen Kuh möchte er sich heut nicht mehr antun, weil er die letzte täglich mehre Wochen lang unter Gefahr für Leib und Leben mit fünf Seilen anbinden musste, bis sie sich melken ließ.
Außer einem Traktor in der Garage des ebenfalls ererbten Apartmenthauses mit zwei kleinen Wohnungen für Gäste, diversen elektrischen Kleinmaschinen, einer Seilwinde für das Hochziehen des Heus am Steilhang zum „Stadl“ ist in der Bauernstube selbst als postmodernes Relikt gerade noch ein Fernseher vorhanden. Die Bauernwohnung am Hof ist klein, die Stube hat 16 qm, 2 Betten stehen drin, ein Tisch, 2 Stühle und ein Kachelofen. Minimalistisch eingerichtet und ausgestattet. Hier wird nichts weggeworfen: keines der teilweise 200 Jahre alten Arbeitsgeräte, keine Plastiktüte, kein abgebrochene Schraube, kein morsches Stückchen Holz, keine einzige von Schnecken angeknabberte Erdbeere und keine Stunde Arbeitszeit. Trotz alledem sagt Jakob stolz: „I bin noch nie ausm Tal weggekommen, aber in der Schweiz wor i schon eimoal“.
Früher, ja früher wäre Jakob mit seinem Landbesitz und seiner Kraft wahrscheinlich das gewesen, was man eine „gute Landpartie“ genannt hätte. Früher, als es ebenso noch geheißen haben könnte: „Die eigene Scholle ist Goldes wert“.
Heute ist er vor allem eines: Einsam. Einsamkeit ist die hier vorherrschende Form von Autismus, eine schleichende Malaise, die sich tief in die Seele frisst, tiefer als eine Sense in die Haut. Eine Frau fand sich nicht; auch die von einem Familienmitglied dereinst heimlich veröffentlichte Kontaktanzeige „Einsamer Bauer aus dem Martelltal, noch nie über Bozen hinaus weggekommen, sucht Partnerin“ musste mangels weiblicher Rückmeldung im Acker der Zeit manuell untergepflügt werden. Dies war noch zu einem Zeitpunkt, als die Landwirte noch nicht einer sprichwörtlich „breiten“ TV-Masse in Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ sich und ihr Dilemma der Lächerlichkeit preis geben mussten. „Ich trinke selten Alkohol“, „der macht die Beine schwer und geht in den Kopf“, sagt er überzeugt. Die vor der Mattscheibe sind jene, die Spinat nicht von Kartoffeln unterscheiden können und Nahrungsmittel lediglich gedankenlos konsumieren, nicht aber herstellen.
Jakob stemmt sich trotzig gegen die Zeit
„Der Kopf muss klar sein, wenn die Arbeit gelingen soll“, sagt Jakob. Genau dies scheint aber auch ein Teil des Problems zu sein. Nüchtern betrachtet ist Jakobs` Hof seit Jahren ein finanzielles Fiasko, einzig am Leben erhalten von Jakobs unbändiger Energie seines im Vorruhestandsalter befindlichen Körpers und seinem festen Willen. Aufzugeben das käme ihm nie in den Sinn, Aufhören? Das würde er sich nicht zugestehen. Einer, der den Hof übernehmen würde, wenn die Kraft bei ihm nachlässt, ein Sohn , der dies gerne und leidenschaftlich täte wie er, ist nicht vorhanden. Er stemmt sich trotzig wie die Burg im Taleingang mit aller verbliebenen Manneskraft gegen die Zeit. Nur deshalb überdauert der Hof Jahr für Jahr - und, weil EU-Gelder fürs Mähen der Steilwiesen fließen damit die Gegend bei Touristen einen gepflegten Eindruck hinterlässt. Ein wenig Griechenland ist halt überall.
Das Mähen mit der Sense, Einfahren und Verbringen des Heus ins „Stadl“ sind im Gegensatz zu früheren Zeiten zwar keine Notwendigkeit mehr, um die „Viecher“ über den Winter zu bringen, aber Futter ist teuer und immer noch sind diese Arbeiten auch für den Agrarprofi ein mühseliger Knochenjob, pure Schinderei, „streng“, wie man hier zu sagen pflegt. Ein Hof kann „streng“ sein zu den Bauern, die Zeit kann streng sein zu den Bauern. . Und wenn die Zeit „streng“ ist, müssen es die Bauern wohl auch sein. Zu sich und zu anderen. Wie die Zeit, so die Leute.
Problemloser als die Suche nach einer kräftigen Bauersfrau gestaltet sich die Vermittlung von freiwilligen, unentgeltlichen Helfern durch das Engagement von Menschen wie Monika Thaler, der Koordinatorin beim Verein Freiwillige Arbeitseinsätze (VFA) beim Südtiroler Bauernbund aus Bozen, nach eigenen Angaben selbst auf einem Bergbauerhof aufgewachsen (siehe Spiegel, 27.08.2008). Gesucht werden tatkräftige Helfer, auch berufsfremde, die zwar eingearbeitet werden müssen, aber eben gar nichts kosten und damit auch für diejenigen Bergbauern erschwinglich sind, die sich noch nicht einmal die Billigarbeiter aus Rumänien oder Polen, die überall auf den Feldern „reicherer“ Südtiroler Bauern beschäftigt sind, leisten können. Den Hof von Jakob haben wir uns aus per Mail übersendeten fünf Hofvorschlägen des Vereins selber ausgesucht.
Menschen wie Jakob können von ihrer Arbeit nicht existieren. Nicht ohne Hilfe. Sicher gibt es auch für Jakob gelegentlich tatkräftige Unterstützung von Familienseite: Sofern sich aber die nahen Verwandten, die längst in den Städten leben, bereit erklären, bei der Heuernte zu helfen, der anstrengendsten Arbeit auf dem Hof, werden sie rüde angeschnauzt oder zusammengestaucht, wenn etwas nicht nach dem althergebrachten alten Vorstellungen des Hofvorstandes läuft. Wer hat dazu schon Lust?
Wir haben Lust dazu. Wenn auch nur befristet, nicht auf Dauer. Aber wir sind ja auch Fremde. Wasser, nicht Blut. Das zählt nicht. Deshalb wohl gebraucht er bei Arbeitsanweisungen nicht unsere Vornamen, sondern: „der Mann“ (soll..) und „die Frau“ (soll..). Als freiwillige Helferlein sind wir so der Eindruck - eher willfährige Nützlichmacher und offensichtlich nicht ernster zu nehmen als Nutztiere. Nutztiere bekommen zu fressen, haben ihre Arbeit zu machen und Schluss iss: Ins Haus gehören Nutztieren allerdings nicht. Deshalb müssen wir nächtens auch die gesamte Zeit in unserem Wohnwagen verbleiben. Als Quasi-Stall. Ohne Radio, ohne Fernseher, ohne Internet.
In der Hofvorstellung durch den Vereins wurde Jakob als „kommunikativ“ beschrieben. Dies ist aus heutiger Sicht ein Euphemismus: „Mitteilungsbedürftig“ wäre treffender gewesen. Bei der täglichen Arbeit benötigt Jakob neben körperlicher Hilfe zuvörderst unbedingte Aufmerksamkeit durch einen anwesenden Zuhörer, einem, der ihm und seinen in vielen Jahren gebildeten Kurzmonologen Gehör schenkt, der einfach nur zuhört. Da reicht es völlig aus, etwa alle 30 Sekunden ein „Ja, ja“ zu äußern, ein „Si“ oder „Freili“, um dem Ego des Bauern Genüge zu tun.
Jakob nahm, was er bekommen konnte, gierig und schier gnadenlos
Auffallend ist, dass er seine Dialogtechnik offensichtlich nunmehr seit Jahrzehnten in Selbstbefehlen und bedingungslosem Selbstgehorsam perfektioniert hat. So ist er als sein einziger Dialogpartner gleichzeitig der Chef, der Knecht, der sich ohne Lohn „stauchen“ lässt aber auch die Magd und die Bäuerin, die üblicherweise im Stadl das Heu einfüllen helfen und mittels ihres Körpergewichts zusammenpressen.
Entspannter geht es nur zu, wenn alle Tagesarbeit getan ist, wenn nichts mehr zu tun bleibt für den restlichen Tag, also im Zeitraum zwischen 22.00 Uhr und 5.00 Uhr morgens. Wenn „fertig“ ist, heißt es „Schtalles o.k.“ aus seinem Mund, oder „Schtalles gut.“ Dann, im Dunkel der Zwangspause , offenbart sich - wenn man genau hinhört - auch seine andere Seite : Freundlich, feinfühlig und nicht zuletzt ansatzweise kommunikativ.
Unsere vierwöchige Zeit der Freiwilligenarbeit auf seinem Bauernhof in Südtirol ist vorüber. Vier Wochen waren wir mit der Heuernte und -einbringung, dem Ausjäten von „Grummen“ (Erdbeeren), Bedecken des Erdbeerfeldes mit Stroh, dem Jäten von Blumenkohl und Salat sowie Renovierungen und Putzen am und in Haus und Hof beschäftigt. Erdbeeren bedeuten nicht nur stolze Ernte, nein, Unkraut im Erdbeerfeld ausjäten beispielsweise wird auf den Knien verrichtet, zentimeterweise vorwärtsrobbend, tagelang. Ziel: Es kann nur eine Pflanze geben: Erdbeer oder eines der 10.000 Unkräuter.
Wir hatten unsere Arbeitskraft zum Nulltarif angeboten und Jakob nahm, was er bekommen konnte, gierig und schier gnadenlos . Gleichzeitig gab er so wenig wie möglich, vermutlich umständehalber. Bei uns war es vertragsgemäß genau umgekehrt.
Am Ende unserer Einsatzzeit standen folgende Fakten: 26 Tage Anwesenheit auf seinem Hof, plus je einen Tag An- und Abfahrt, also netto 20 Wochentage, drei Samstage und drei Sonntage. Tatsächliche aber haben wir 26 Tage am Stück geschuftet, jeweils von acht Uhr morgens (am Einsatzort) bis spätestens ca. 20.30 Uhr abends, mit durchschnittlich einer Dreiviertelstunde Brotzeit mittags - falls das Wetter zu schlecht zum Arbeiten war. Weiterhin vermerken wir: Eine unbeachtet gebliebene Sehnenscheidenentzündung, Splitter in den Fingern, Wespenstiche, drei taube Fingern an der rechten Hand, unsäglich schmutzige Fingernägel, schwielige Hände mit porentief sitzendem Dreck, einige Kilo Gewichtsverlust und jede Menge Muskelkater.
Kost, also Brot, Eier, Käse, Speck, Schaffleisch, Röhrennudeln und selbst hergestellten Holundersirup erhielten wir direkt von Jakob, für die Brotzeit auf dem Feld oder zum abendlichen Zubereiten von Nudeln mit Ei, Nudeln mit Käse oder Nudeln mit Speck bzw. Schaffleisch. Alles, was wir darüber hinaus an Lebensmitteln benötigen sollten, durften wir im 15 Kilometer entfernte Discounter kaufen und sollten die Kosten erstattet bekommen.
Allein: Wir kamen seltenst zum Einkaufen. Der Discounter schließt um 19.30 Uhr, und zu diesem Zeitpunkt waren wir zumeist noch mit Feld- oder Heuarbeit beschäftigt.
Und wenn es einmal gelang, uns früher davonzustehlen, wurde bei Quittungsübergabe auch schon einmal Unmut geäußert: „Tortellini? Warum Tortellini? I hob doch no Röhrilinudeln im Keller“.
Die Tortellini kosteten 49 Cent.
Die von Monika Thaler versprochene Unterkunft in einem kleinen Apartment stand nicht zur Verfügung tatsächlich hatten wir mit unserem mitgeführten kleinen Wohnwagen, einem 87er Eriba Triton, knapp 8 qm „all inklusive“, vorlieb zu nehmen. Immerhin durften wir im Apartmenthaus zur Toilette gehen, spülen, duschen und in der Küche Leitungswasser zum Trinken entnehmen.
Und der Ton? „Gib den Maulschlüssel im Werkzeugkaschtl“ scholl aus vier Metern Entfernung grob die Anweisung beim Anschrauben einer Balkonbrüstung in der „Spätschicht“ um 20.30 Uhr, nach gemeinsamen sechs Stunden Jäten in praller Julisonne, einer halben Stunde Mittagspause und anschließenden vier Stunden Heuarbeiten mit Rechen, Gabel, Seilwinde und einem überdimensionalem Heuschlitten. Dort im Kastl liegen allerdings vier verschiedene Maulschlüssel. „Welche Größe?“. Noch grantiger und mit einem unwirschen Fingerzeig folgt genervt: „Gib scho“. Keine Diskussion!
So etwas wie „Unwissender“. schwang da im deutlich wahrnehmbaren Unterton mit, „Lakai“ oder „Knecht“.
Letzteres zumindest hätte etwas Anerkennung für all die Knochenarbeit signalisiert. Etwas. Denn wir hatten nicht vor, vor Ablauf der vier Wochen wegzulaufen. Da grummelte er schon wieder: „Die Frau soll derweil wieder putzen“.
„Mindestens eine Woche Zeit sollten Sie für die Arbeit auf einem Bergbauernhof haben“ schreibt der Bergbauernverein auf seiner Homepage www.bergbauernhilfe.it.
Vier Wochen Zeit hatten wir. Vier Wochen bei jedem Wetter und Temperaturen zwischen 10 und 34 Grad. Für manche Bauern auch Jakob - ist allerdings auch das nicht genug. Da reichen zwei mal vier, ja acht mal vier Wochen Hilfe nicht aus, weil die Zeit an ihnen einfach vorbeigegangen ist oder sie selbst eigenbrötlerisch und bockig stehen geblieben sind. Auch deswegen sind sie heuer wieder grantig.
Wir sind jetzt erschöpft. Aber “Schtalles gut!“. Soll heißen: Jakob, der Bauer, ist zufrieden mit uns und unserem Wirken. Aber wir sind ja auch, wie die Kölner sagen würden, „für nix zu fies“ und erledigen jede Arbeit, sei sie noch so dreckig, langwierig oder schwer.
„Danke, vielen Dank. Ihr habt mir sehr geholfen“
Vor einigen Tagen, Mitte der letzten Woche, hatten wir uns vorgenommen, am letzten Arbeitstag vor der Abreise höflich anzufragen, ob wir unsere Wäsche der letzten Wochen in der Waschmaschine im Keller des Gästehauses waschen dürfen, „neben der Arbeit“ selbstverständlich, die Maschine läuft ja von alleine. Und für den Abreisetag planten wir, uns die Wanderschuhe anzuziehen und zwei Stunden im Martelltal spazieren zu gehen, allein, um die Umgebung einmal aus einer anderen als der Hof- und Ackerperspektive betrachten zu können. Wenigstens einmal. Bingo: Wir durften waschen, nebenbei, versteht sich, und sogar die kleine Wanderung hat stattgefunden.
Kurz vor unserer Abfahrt fragt er, ob wir nächstes Jahr wieder kommen. Eigentlich klingt es mehr wie eine Bitte als eine Frage, fast schon wie ein angedeutetes Flehen. Wir möchten wissen, ob schon Freiwillige für die Erdbeerernte in den nächsten zwei Wochen da seien werden. Er weiß es nicht.
Und dann wird er ganz ruhig, dreht sich um, holt aus seiner Garage ein Kilo selbstgemachten Käse und ein Kilo „Tiroler Speck“ für uns, dreht sich hektisch noch einmal um, läuft zu seinem kleinen Fiat Panda und zieht eine Palette mit 8 Schälchen Erdbeeren hervor, die er tags zuvor spätnachmittags auf den Knien extra für uns gepflückt hat. Er schaut uns nicht in die Augen, als er sie uns überreicht, sondern sagt ganz leise, in einem von uns bisher nicht gekannten Tonfall: „Danke, vielen Dank. Ihr habt mir sehr geholfen.“ Es folgt eine Pause. Und dann beginnt dieser zähe, grantige Mann tatsächlich leise zu weinen und flüstert: „Ihr seid so nette Menschen ... ich ... möchte Euch gar nicht... wegfahren lassen.“
Malerisch windet sich die einzige Strasse vom Hof aus dem 19. Jahrhundert auch durch das Martelltal herunter nach Latsch, vorbei an zwei Pizzerien, einigen Garni-Häusern, einer Großzimmerei, vielen kreuzenden Wanderwegen und dem Lagerhaus der Erdbeergenossenschaft. Dann, in Latsch an der Etsch, geht es auf der Schnellstraße, rechts 50 km nach Bozen, links 50 km über den Reschenpass bis in die Schweiz. So klein kann ein Tellerrand sein, der für ein ganzes Menschenleben reicht.
Von der Kreuzung in Latsch, sind es jedenfalls gerade einmal nur noch 10 km bis zum nächsten „Imbiss-Würstlstand“ und 20 km bis zum einzigen Hotspot der Umgebung, an der Touristeninformation in Naturns. An der Landstraße in Latsch sind wir noch immer schweigend - zurück von Zeitsprung ins Joch, wieder in Gegenwart und Freiheit und der gefühlskalten, modernen Welt: Offen, gelassen und dankbar.
Schtalles o.k.
(vollständiger Bericht mit Bildern unter http://www.plan-be.de/html/sudtirol.html
Ein alter, maroder Hof, Handarbeit wie vor 100 Jahren, ein einsamer und grantiger Bauer, dem selbst der einzige Knecht vor Jahren davongelaufen ist, und viel, viel zu tun.
Pittoresk und steil schraubt sich die einzige Straße vom touristengeprägten Latsch am Etsch hoch ins schmale Martelltal, jenes, das angeblich über seine Grenzen hinaus für seine Erdbeeren bekannt ist. Am Taleingang erhebt sich auf einem Hügel wuchtig die Ruine der Trutzburg „Mondiani di Sopra“ aus längst vergangener Zeit und verschließt den Blick ins Martelltal wie ein großer Korken den Blick in die Weinflasche. Der von hier aus gesehen nächst größere Ort ist Naturns in 15 Kilometern östlicher Entfernung, dessen „weltweiter“ Ruf im Vinschgau vor allem auf Äpfeln gründet, die glaubt man der Werbung- schon Adam kannte, und auf dem „Apfelfest der Jungbauern“ im Juni jedes Jahres.
Rechts und Links der meist einspurigen Via aufwärts ins Tal sind die den Bergen abgetrotzten Wiesen noch grün, die Weiden saftig und die braunen Kühe ebenso glücklich wie die freilaufenden Hühner. Die Dörfchen sind so klein, dass sich die Hausnummer auf die gesamte Ansiedlung beziehen, nicht auf einen Straßennamen. Im Radio (Teleradio Vinschgau) läuft Sailors „Girls, Girls, Girls“ als aktuellste Darbietung der musikalischen Neuzeit, und die Marteller glauben unerschütterlich fest an den Weckruf des Hahns und den Ruf ihrer Erdbeeren wie die Naturnser an die Mär von Adams Apfel.
Die Zeichen der Zeit störrisch verschlafen
Irgendwo circa 15 Kilometer hinter dem Lagerhaus der Marteller Erdbeergenossenschaft, nicht weit hinter dem Zufritt-Bergsee, endet die kleine, von Äckern gesäumte Straße im Nichts .- dazwischen liegen etwa 1500 Höhenmeter, bis zu 13 Prozent Steigung und 15 Grad Temperaturunterschied was eine spätere Obsternte als in der Ebene „unten“ garantiert. Und weil das so ist, werden überall auf dem Weg zum Nichts auf den vorhandenen Steilhanggrundstücken „Grummen“ (Erdbeeren) angebaut. Noch nicht allzu lange, vielleicht seit dreißig Jahre, aber seit diesem Zeitpunkt versuchen die ansässigen Bauern, sich ein großes Stück vom einträglichen „Erdbeerkuchen“ ab zu schneiden. Nicht immer mit viel Erfolg, aber immer mit viel Arbeitsaufwand.
Viel zu tun, dies gilt insbesondere für jene Bauern, die die Zeichen der Zeit störrisch verschlafen haben, die zu alt oder geizig für massive Investitionen in den Hof sind oder deren Grundstücke an derart steilen Hängen liegen, dass eine maschinelle Bearbeitung schlicht nicht möglich ist.
Jakob Untergrainer (*Name geändert), auf dessen Hof Stefanie, meine Frau, und ich freiwillig für vier Wochen arbeiten, ist so einer. Ein drahtiger, kräftiger Mann mit groben Händen im groben Wollpullover und richtig schmutzigen Fingernägeln. Einer, der zur Höchstform aufläuft, wenn es schwer und schweißtreibend wird. Mittlerweile knapp sechzig Jahre alt und neben zweier älterer Schwestern der einzige, als drittes Kind der ersehnte Sohn in der alteingesessenen Familie. Und daher war Jakob auch derjenige, der nach dem Tod der Eltern den Hof oben auf dem Hang am Waldrand nebst einigen Äckern auf 1800 Metern Höhe weiterführen sollte und unbedingt weiterführen wollte. Weil er nie etwas anderes gelernt hatte, nie etwas anderes hatte tun wollen. Aus Leidenschaft. Auf eigene Faust, dickköpfig und lebenslang. Dem einzigen Interimsknecht wurde irgendwann die Arbeit zuviel, er verschwand auf Nimmerwiedersehen.
Der Hof hat seine beste Zeit schon lange hinter sich
Sein Hof wirkt 2011 wie aus dem Bilderbuch des beginnenden 20. Jahrhunderts, ist aber tatsächlich 200 Jahre älter, ein Hof mit Stube und Scheune, Werkstatt, Kräutergärtchen und Hofhund - aber auch ein Hof, der seine beste Zeit schon lange hinter sich hat.
Eine Traumlage mit Fernsicht inmitten einiger Wiesen, die steil abfallen und deshalb nicht mit Maschinen, sondern mühsam per Hand und Muskelkraft gemäht werden müssen.
An Vieh ist im Laufe der Zeit übrig geblieben: Zwei Kühe und einige Schafe, deren Fleisch für den Eigenbedarf verarbeitet und eingefroren wird, aus deren Milch Jakob Käse herstellt ebenfalls nur für den Eigenbedarf. Übrig sind auch einige Hühner weil der Fuchs das zuließ. Die Arbeit mit einer neuen, jungen Kuh möchte er sich heut nicht mehr antun, weil er die letzte täglich mehre Wochen lang unter Gefahr für Leib und Leben mit fünf Seilen anbinden musste, bis sie sich melken ließ.
Außer einem Traktor in der Garage des ebenfalls ererbten Apartmenthauses mit zwei kleinen Wohnungen für Gäste, diversen elektrischen Kleinmaschinen, einer Seilwinde für das Hochziehen des Heus am Steilhang zum „Stadl“ ist in der Bauernstube selbst als postmodernes Relikt gerade noch ein Fernseher vorhanden. Die Bauernwohnung am Hof ist klein, die Stube hat 16 qm, 2 Betten stehen drin, ein Tisch, 2 Stühle und ein Kachelofen. Minimalistisch eingerichtet und ausgestattet. Hier wird nichts weggeworfen: keines der teilweise 200 Jahre alten Arbeitsgeräte, keine Plastiktüte, kein abgebrochene Schraube, kein morsches Stückchen Holz, keine einzige von Schnecken angeknabberte Erdbeere und keine Stunde Arbeitszeit. Trotz alledem sagt Jakob stolz: „I bin noch nie ausm Tal weggekommen, aber in der Schweiz wor i schon eimoal“.
Früher, ja früher wäre Jakob mit seinem Landbesitz und seiner Kraft wahrscheinlich das gewesen, was man eine „gute Landpartie“ genannt hätte. Früher, als es ebenso noch geheißen haben könnte: „Die eigene Scholle ist Goldes wert“.
Heute ist er vor allem eines: Einsam. Einsamkeit ist die hier vorherrschende Form von Autismus, eine schleichende Malaise, die sich tief in die Seele frisst, tiefer als eine Sense in die Haut. Eine Frau fand sich nicht; auch die von einem Familienmitglied dereinst heimlich veröffentlichte Kontaktanzeige „Einsamer Bauer aus dem Martelltal, noch nie über Bozen hinaus weggekommen, sucht Partnerin“ musste mangels weiblicher Rückmeldung im Acker der Zeit manuell untergepflügt werden. Dies war noch zu einem Zeitpunkt, als die Landwirte noch nicht einer sprichwörtlich „breiten“ TV-Masse in Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ sich und ihr Dilemma der Lächerlichkeit preis geben mussten. „Ich trinke selten Alkohol“, „der macht die Beine schwer und geht in den Kopf“, sagt er überzeugt. Die vor der Mattscheibe sind jene, die Spinat nicht von Kartoffeln unterscheiden können und Nahrungsmittel lediglich gedankenlos konsumieren, nicht aber herstellen.
Jakob stemmt sich trotzig gegen die Zeit
„Der Kopf muss klar sein, wenn die Arbeit gelingen soll“, sagt Jakob. Genau dies scheint aber auch ein Teil des Problems zu sein. Nüchtern betrachtet ist Jakobs` Hof seit Jahren ein finanzielles Fiasko, einzig am Leben erhalten von Jakobs unbändiger Energie seines im Vorruhestandsalter befindlichen Körpers und seinem festen Willen. Aufzugeben das käme ihm nie in den Sinn, Aufhören? Das würde er sich nicht zugestehen. Einer, der den Hof übernehmen würde, wenn die Kraft bei ihm nachlässt, ein Sohn , der dies gerne und leidenschaftlich täte wie er, ist nicht vorhanden. Er stemmt sich trotzig wie die Burg im Taleingang mit aller verbliebenen Manneskraft gegen die Zeit. Nur deshalb überdauert der Hof Jahr für Jahr - und, weil EU-Gelder fürs Mähen der Steilwiesen fließen damit die Gegend bei Touristen einen gepflegten Eindruck hinterlässt. Ein wenig Griechenland ist halt überall.
Das Mähen mit der Sense, Einfahren und Verbringen des Heus ins „Stadl“ sind im Gegensatz zu früheren Zeiten zwar keine Notwendigkeit mehr, um die „Viecher“ über den Winter zu bringen, aber Futter ist teuer und immer noch sind diese Arbeiten auch für den Agrarprofi ein mühseliger Knochenjob, pure Schinderei, „streng“, wie man hier zu sagen pflegt. Ein Hof kann „streng“ sein zu den Bauern, die Zeit kann streng sein zu den Bauern. . Und wenn die Zeit „streng“ ist, müssen es die Bauern wohl auch sein. Zu sich und zu anderen. Wie die Zeit, so die Leute.
Problemloser als die Suche nach einer kräftigen Bauersfrau gestaltet sich die Vermittlung von freiwilligen, unentgeltlichen Helfern durch das Engagement von Menschen wie Monika Thaler, der Koordinatorin beim Verein Freiwillige Arbeitseinsätze (VFA) beim Südtiroler Bauernbund aus Bozen, nach eigenen Angaben selbst auf einem Bergbauerhof aufgewachsen (siehe Spiegel, 27.08.2008). Gesucht werden tatkräftige Helfer, auch berufsfremde, die zwar eingearbeitet werden müssen, aber eben gar nichts kosten und damit auch für diejenigen Bergbauern erschwinglich sind, die sich noch nicht einmal die Billigarbeiter aus Rumänien oder Polen, die überall auf den Feldern „reicherer“ Südtiroler Bauern beschäftigt sind, leisten können. Den Hof von Jakob haben wir uns aus per Mail übersendeten fünf Hofvorschlägen des Vereins selber ausgesucht.
Menschen wie Jakob können von ihrer Arbeit nicht existieren. Nicht ohne Hilfe. Sicher gibt es auch für Jakob gelegentlich tatkräftige Unterstützung von Familienseite: Sofern sich aber die nahen Verwandten, die längst in den Städten leben, bereit erklären, bei der Heuernte zu helfen, der anstrengendsten Arbeit auf dem Hof, werden sie rüde angeschnauzt oder zusammengestaucht, wenn etwas nicht nach dem althergebrachten alten Vorstellungen des Hofvorstandes läuft. Wer hat dazu schon Lust?
Wir haben Lust dazu. Wenn auch nur befristet, nicht auf Dauer. Aber wir sind ja auch Fremde. Wasser, nicht Blut. Das zählt nicht. Deshalb wohl gebraucht er bei Arbeitsanweisungen nicht unsere Vornamen, sondern: „der Mann“ (soll..) und „die Frau“ (soll..). Als freiwillige Helferlein sind wir so der Eindruck - eher willfährige Nützlichmacher und offensichtlich nicht ernster zu nehmen als Nutztiere. Nutztiere bekommen zu fressen, haben ihre Arbeit zu machen und Schluss iss: Ins Haus gehören Nutztieren allerdings nicht. Deshalb müssen wir nächtens auch die gesamte Zeit in unserem Wohnwagen verbleiben. Als Quasi-Stall. Ohne Radio, ohne Fernseher, ohne Internet.
In der Hofvorstellung durch den Vereins wurde Jakob als „kommunikativ“ beschrieben. Dies ist aus heutiger Sicht ein Euphemismus: „Mitteilungsbedürftig“ wäre treffender gewesen. Bei der täglichen Arbeit benötigt Jakob neben körperlicher Hilfe zuvörderst unbedingte Aufmerksamkeit durch einen anwesenden Zuhörer, einem, der ihm und seinen in vielen Jahren gebildeten Kurzmonologen Gehör schenkt, der einfach nur zuhört. Da reicht es völlig aus, etwa alle 30 Sekunden ein „Ja, ja“ zu äußern, ein „Si“ oder „Freili“, um dem Ego des Bauern Genüge zu tun.
Jakob nahm, was er bekommen konnte, gierig und schier gnadenlos
Auffallend ist, dass er seine Dialogtechnik offensichtlich nunmehr seit Jahrzehnten in Selbstbefehlen und bedingungslosem Selbstgehorsam perfektioniert hat. So ist er als sein einziger Dialogpartner gleichzeitig der Chef, der Knecht, der sich ohne Lohn „stauchen“ lässt aber auch die Magd und die Bäuerin, die üblicherweise im Stadl das Heu einfüllen helfen und mittels ihres Körpergewichts zusammenpressen.
Entspannter geht es nur zu, wenn alle Tagesarbeit getan ist, wenn nichts mehr zu tun bleibt für den restlichen Tag, also im Zeitraum zwischen 22.00 Uhr und 5.00 Uhr morgens. Wenn „fertig“ ist, heißt es „Schtalles o.k.“ aus seinem Mund, oder „Schtalles gut.“ Dann, im Dunkel der Zwangspause , offenbart sich - wenn man genau hinhört - auch seine andere Seite : Freundlich, feinfühlig und nicht zuletzt ansatzweise kommunikativ.
Unsere vierwöchige Zeit der Freiwilligenarbeit auf seinem Bauernhof in Südtirol ist vorüber. Vier Wochen waren wir mit der Heuernte und -einbringung, dem Ausjäten von „Grummen“ (Erdbeeren), Bedecken des Erdbeerfeldes mit Stroh, dem Jäten von Blumenkohl und Salat sowie Renovierungen und Putzen am und in Haus und Hof beschäftigt. Erdbeeren bedeuten nicht nur stolze Ernte, nein, Unkraut im Erdbeerfeld ausjäten beispielsweise wird auf den Knien verrichtet, zentimeterweise vorwärtsrobbend, tagelang. Ziel: Es kann nur eine Pflanze geben: Erdbeer oder eines der 10.000 Unkräuter.
Wir hatten unsere Arbeitskraft zum Nulltarif angeboten und Jakob nahm, was er bekommen konnte, gierig und schier gnadenlos . Gleichzeitig gab er so wenig wie möglich, vermutlich umständehalber. Bei uns war es vertragsgemäß genau umgekehrt.
Am Ende unserer Einsatzzeit standen folgende Fakten: 26 Tage Anwesenheit auf seinem Hof, plus je einen Tag An- und Abfahrt, also netto 20 Wochentage, drei Samstage und drei Sonntage. Tatsächliche aber haben wir 26 Tage am Stück geschuftet, jeweils von acht Uhr morgens (am Einsatzort) bis spätestens ca. 20.30 Uhr abends, mit durchschnittlich einer Dreiviertelstunde Brotzeit mittags - falls das Wetter zu schlecht zum Arbeiten war. Weiterhin vermerken wir: Eine unbeachtet gebliebene Sehnenscheidenentzündung, Splitter in den Fingern, Wespenstiche, drei taube Fingern an der rechten Hand, unsäglich schmutzige Fingernägel, schwielige Hände mit porentief sitzendem Dreck, einige Kilo Gewichtsverlust und jede Menge Muskelkater.
Kost, also Brot, Eier, Käse, Speck, Schaffleisch, Röhrennudeln und selbst hergestellten Holundersirup erhielten wir direkt von Jakob, für die Brotzeit auf dem Feld oder zum abendlichen Zubereiten von Nudeln mit Ei, Nudeln mit Käse oder Nudeln mit Speck bzw. Schaffleisch. Alles, was wir darüber hinaus an Lebensmitteln benötigen sollten, durften wir im 15 Kilometer entfernte Discounter kaufen und sollten die Kosten erstattet bekommen.
Allein: Wir kamen seltenst zum Einkaufen. Der Discounter schließt um 19.30 Uhr, und zu diesem Zeitpunkt waren wir zumeist noch mit Feld- oder Heuarbeit beschäftigt.
Und wenn es einmal gelang, uns früher davonzustehlen, wurde bei Quittungsübergabe auch schon einmal Unmut geäußert: „Tortellini? Warum Tortellini? I hob doch no Röhrilinudeln im Keller“.
Die Tortellini kosteten 49 Cent.
Die von Monika Thaler versprochene Unterkunft in einem kleinen Apartment stand nicht zur Verfügung tatsächlich hatten wir mit unserem mitgeführten kleinen Wohnwagen, einem 87er Eriba Triton, knapp 8 qm „all inklusive“, vorlieb zu nehmen. Immerhin durften wir im Apartmenthaus zur Toilette gehen, spülen, duschen und in der Küche Leitungswasser zum Trinken entnehmen.
Und der Ton? „Gib den Maulschlüssel im Werkzeugkaschtl“ scholl aus vier Metern Entfernung grob die Anweisung beim Anschrauben einer Balkonbrüstung in der „Spätschicht“ um 20.30 Uhr, nach gemeinsamen sechs Stunden Jäten in praller Julisonne, einer halben Stunde Mittagspause und anschließenden vier Stunden Heuarbeiten mit Rechen, Gabel, Seilwinde und einem überdimensionalem Heuschlitten. Dort im Kastl liegen allerdings vier verschiedene Maulschlüssel. „Welche Größe?“. Noch grantiger und mit einem unwirschen Fingerzeig folgt genervt: „Gib scho“. Keine Diskussion!
So etwas wie „Unwissender“. schwang da im deutlich wahrnehmbaren Unterton mit, „Lakai“ oder „Knecht“.
Letzteres zumindest hätte etwas Anerkennung für all die Knochenarbeit signalisiert. Etwas. Denn wir hatten nicht vor, vor Ablauf der vier Wochen wegzulaufen. Da grummelte er schon wieder: „Die Frau soll derweil wieder putzen“.
„Mindestens eine Woche Zeit sollten Sie für die Arbeit auf einem Bergbauernhof haben“ schreibt der Bergbauernverein auf seiner Homepage www.bergbauernhilfe.it.
Vier Wochen Zeit hatten wir. Vier Wochen bei jedem Wetter und Temperaturen zwischen 10 und 34 Grad. Für manche Bauern auch Jakob - ist allerdings auch das nicht genug. Da reichen zwei mal vier, ja acht mal vier Wochen Hilfe nicht aus, weil die Zeit an ihnen einfach vorbeigegangen ist oder sie selbst eigenbrötlerisch und bockig stehen geblieben sind. Auch deswegen sind sie heuer wieder grantig.
Wir sind jetzt erschöpft. Aber “Schtalles gut!“. Soll heißen: Jakob, der Bauer, ist zufrieden mit uns und unserem Wirken. Aber wir sind ja auch, wie die Kölner sagen würden, „für nix zu fies“ und erledigen jede Arbeit, sei sie noch so dreckig, langwierig oder schwer.
„Danke, vielen Dank. Ihr habt mir sehr geholfen“
Vor einigen Tagen, Mitte der letzten Woche, hatten wir uns vorgenommen, am letzten Arbeitstag vor der Abreise höflich anzufragen, ob wir unsere Wäsche der letzten Wochen in der Waschmaschine im Keller des Gästehauses waschen dürfen, „neben der Arbeit“ selbstverständlich, die Maschine läuft ja von alleine. Und für den Abreisetag planten wir, uns die Wanderschuhe anzuziehen und zwei Stunden im Martelltal spazieren zu gehen, allein, um die Umgebung einmal aus einer anderen als der Hof- und Ackerperspektive betrachten zu können. Wenigstens einmal. Bingo: Wir durften waschen, nebenbei, versteht sich, und sogar die kleine Wanderung hat stattgefunden.
Kurz vor unserer Abfahrt fragt er, ob wir nächstes Jahr wieder kommen. Eigentlich klingt es mehr wie eine Bitte als eine Frage, fast schon wie ein angedeutetes Flehen. Wir möchten wissen, ob schon Freiwillige für die Erdbeerernte in den nächsten zwei Wochen da seien werden. Er weiß es nicht.
Und dann wird er ganz ruhig, dreht sich um, holt aus seiner Garage ein Kilo selbstgemachten Käse und ein Kilo „Tiroler Speck“ für uns, dreht sich hektisch noch einmal um, läuft zu seinem kleinen Fiat Panda und zieht eine Palette mit 8 Schälchen Erdbeeren hervor, die er tags zuvor spätnachmittags auf den Knien extra für uns gepflückt hat. Er schaut uns nicht in die Augen, als er sie uns überreicht, sondern sagt ganz leise, in einem von uns bisher nicht gekannten Tonfall: „Danke, vielen Dank. Ihr habt mir sehr geholfen.“ Es folgt eine Pause. Und dann beginnt dieser zähe, grantige Mann tatsächlich leise zu weinen und flüstert: „Ihr seid so nette Menschen ... ich ... möchte Euch gar nicht... wegfahren lassen.“
Malerisch windet sich die einzige Strasse vom Hof aus dem 19. Jahrhundert auch durch das Martelltal herunter nach Latsch, vorbei an zwei Pizzerien, einigen Garni-Häusern, einer Großzimmerei, vielen kreuzenden Wanderwegen und dem Lagerhaus der Erdbeergenossenschaft. Dann, in Latsch an der Etsch, geht es auf der Schnellstraße, rechts 50 km nach Bozen, links 50 km über den Reschenpass bis in die Schweiz. So klein kann ein Tellerrand sein, der für ein ganzes Menschenleben reicht.
Von der Kreuzung in Latsch, sind es jedenfalls gerade einmal nur noch 10 km bis zum nächsten „Imbiss-Würstlstand“ und 20 km bis zum einzigen Hotspot der Umgebung, an der Touristeninformation in Naturns. An der Landstraße in Latsch sind wir noch immer schweigend - zurück von Zeitsprung ins Joch, wieder in Gegenwart und Freiheit und der gefühlskalten, modernen Welt: Offen, gelassen und dankbar.
Schtalles o.k.
(vollständiger Bericht mit Bildern unter http://www.plan-be.de/html/sudtirol.html
Beitrag bewerten
Erst einloggen, dann bewerten
Note
Stimmen
Aufrufe
weiterempfehlen
04.01.2012 | 10.15 Uhr | scharfrichter
Hallo Nelly,
meinst Du damit vielleicht unsere beiden nach Südtirol folgenden Freiwilligeneinsätze auf zwei Schweizer Bergbauernhöfen („Ssallü miteinant“ - http://www.plan-be.de/html/schweiz.html) oder den jetzigen Houesesitting-Einsatz in Portugal?
Grüße nach Hamburg!
meinst Du damit vielleicht unsere beiden nach Südtirol folgenden Freiwilligeneinsätze auf zwei Schweizer Bergbauernhöfen („Ssallü miteinant“ - http://www.plan-be.de/html/schweiz.html) oder den jetzigen Houesesitting-Einsatz in Portugal?
Grüße nach Hamburg!
04.01.2012 | 03.20 Uhr | checkmate
Die Idee ist nicht ganz neu, "Ferien vom Ich" nannte Paul Keller seinen Roman.
03.01.2012 | 22.20 Uhr | Nelly Fleckhaus
Lieber S.,
ich bin gespannt auf eine Fortsetzung.
viele Grüße Nelly
ich bin gespannt auf eine Fortsetzung.
viele Grüße Nelly
02.01.2012 | 14.25 Uhr | marewa
Großartig beschrieben, ganz wunderbar.
Danke und Gruß
marewa
Danke und Gruß
marewa
30.12.2011 | 10.23 Uhr | ing.lambertz
Mensch scharfrichter,
da hast mir am Schluss doch wirklich ein paar Tränen abgepresst.
Deine website werde ich mir wohl morgen am Sylvestertag einmal näher anschauen. Jetzt will ich ab in die Sauna nach Hürth ;-).
Ich versuche einmal deine website zu verlinken:Plan B
Gruß Lemm(y)i
da hast mir am Schluss doch wirklich ein paar Tränen abgepresst.
Deine website werde ich mir wohl morgen am Sylvestertag einmal näher anschauen. Jetzt will ich ab in die Sauna nach Hürth ;-).
Ich versuche einmal deine website zu verlinken:Plan B
Gruß Lemm(y)i
29.12.2011 | 10.31 Uhr | Appels Ejon
Genau diesen Bericht hatte ich vor einigen Tagen schon gerne gelesen als ich auf der (Google) Suche nach Infos meiner uralten ehemaligen zweiten Heimat dem Pfitscher Tal war. Dort verbrachten wir damals vor ca 35 Jahren regelmässig unsere Urlaube zum Mineraliensuchen und Aushelfen bei den Bergbauern.
Die einzigste Gastronomie im ganzen Tal bestand aus der Anni und da ging man hin und hat gegessen was auf den Tisch kam.
Manchmal gingen wir auch mit den Bergbauern auf die "Gams"
Im Laufe der Zeit veränderte sich alles. Die Touristen fielen ein. Das Tal verlor seinen damals einzigartigen Naturcharakter. Die Menschen veränderten sich und so bin ich seit 20 Jahren nicht mehr in diesem Tal gewesen.
Viele Grüße vom Ejon, der noch viele seiner damaligen Erfahrungen in einen alten Bauernhof mit seinen Lamas im Bergischen Land einfliessen lässt
Gerne gelesen
Danke
Die einzigste Gastronomie im ganzen Tal bestand aus der Anni und da ging man hin und hat gegessen was auf den Tisch kam.
Manchmal gingen wir auch mit den Bergbauern auf die "Gams"
Im Laufe der Zeit veränderte sich alles. Die Touristen fielen ein. Das Tal verlor seinen damals einzigartigen Naturcharakter. Die Menschen veränderten sich und so bin ich seit 20 Jahren nicht mehr in diesem Tal gewesen.
Viele Grüße vom Ejon, der noch viele seiner damaligen Erfahrungen in einen alten Bauernhof mit seinen Lamas im Bergischen Land einfliessen lässt
Gerne gelesen
Danke
















