Stadtluft macht frei - VI
Wohnt man hier besser als auf dem Dorf?
Nun muss ich mich bremsen: es geht in mein Spezialgebiet. Mein Geld verdiene ich in der Immobilienbranche - da ist die Versuchung groß, einen ganzen Roman zu schreiben.
 
Kurz gefasst: es leben hier natürlich viel mehr Menschen auf der gleichen Fläche, als ich das aus Jahrzehnten auf dem platten Land kannte. 40.000 Menschen bewohnen den Altkreis, der flächenmäßig ein wenig größer als Köln sein mag. So ist auf dem Lande zwangsläufig nicht die Nähe gegeben, die bei uns unvermeidbar ist. Dies bringt eine Wechselwirkung auch zwischen den Menschen auf, die hüben oder drüben wohnen und leben. Aber das ist wiederum eine Geschichte für sich.
 
Meine erste Wohnung in Köln war ein Appartement im so verrufenen Görlinger-Zentrum, einer der Bausünden der 60er Jahre. Der Protestant aus der waldreichen Region jenseits des Rothaargebirges fand im Erzbistum Köln seinen ersten Vermieter. Als Eigentümer eines frei stehenden Hauses wurde ich so nach über 25 Jahren wieder zum Mieter. Was viele Einheimische abschreckt, fand ich nicht dramatisch: der Blick auf die 20stöckigen Waschbetonbunker (die jetzt recht aufwändig saniert werden, was auch der Optik zugute kommt) war das, was ich als „Landei“ von der „Großstadt“ erwartet hatte. Wie hätte ich also enttäuscht sein können?
 
Und Vieles, was mich auch aktuell noch verfolgt, fand eine sehr frühe Relativierung. Nein, man kann durch das „Zentrum“ gehen, ohne dass einem bewaffnete Schlägertrupps auflauern. Und in gewisser Weise entpuppte sich das Zentrum für mich als kleiner Mikrokosmos, der so etwas wie Dorfcharakter herüber brachte. Immer ein paar nette Worte „beim Döner“, beim Friseur, die Kassiererinnen im Markt kannten viele Gesichter. Eine andere Welt als die bislang so vertraute, aber eben auch eine Welt!
 
Aber nach einem Jahr zog ich doch um, ins alte Bocklemünd. Hier war eine 2-Zimmer-Wohnung frei geworden. Das Appartement war ohnehin als Übergangslösung geplant, bis man sich eingelebt hatte, für 2 Personen überhaupt dauerhaft ungeeignet. Vor allem aber hat der Dachdecker bei der Sanierung des Flachdachs eine mir unerklärliche Pause von 6 Wochen eingelegt, innerhalb der der große Regen kam und ich auf dem recht beengten Raum Schüsseln und Töpfe hin- und herrücken musste, um eine Tümpelbildung auf dem Boden zu vermeiden. Und sehr schnell merkte ich, wie schnell ich mich an die neue Bequemlichkeit gewöhnt hatte: statt der 50 Meter zum Bäcker war es plötzlich so ein Kilometer geworden, bis ich denn merkte, dass ca. 300 m von der neuen Wohnung entfernt, um die Ecke versteckt, auch frische Brötchen gibt. Seltsam, dass mir die 300 m zunächst sehr lästig waren: daheim war es zum Bäcker eine halbe Weltreise, verkleckerte sich das Dorf mit seinen 700 Einwohnern doch auf ca. 22 Quadratkilometer Fläche mit erheblichen Höhenunterschieden. Wie gesagt: man wird sehr schnell sehr bequem!
 
Nun habe ich mich hier fest gesetzt. Nicht umsonst sagen die Bewohner hier „das Dorf“, obwohl es für mich deutliche Erinnerungen an die alte Kreisstadt hervorruft. Nein, ich habe keinen Domblick, Vater Rhein wird meinen Keller wohl kaum jemals überschwemmen. Aber das „weit draußen“, das meinem Wohnort bisweilen angedichtet wird, will sich mit nicht erschließen. Wenn mir danach ist, bin ich mit dem Rad in 3 Minuten in weitläufigen Grünflächen mit kilometerweiter Sicht und angenehmer Ruhe, zieht es mich in die Stadt, so brauche ich mit der Stadtbahn kaum 20 Minuten bis zum Neumarkt. Für mich die Goldene Mitte. Was will ich mehr?
 
Jedoch habe ich festgestellt, dass für viele Kölner die Stadt jenseits der Ringe ihr Ende findet. Unverständlich für das Landkind, das auf einer Landkarte im Schlaf die 22 Stadtteile der alten Heimat wieder findet, dass den Einheimischen hier verschiedene Stadtteile unbekannt sind. „Wie, das ist noch Köln?“ habe ich mehr als ein Mal gehört.
 
Auf das Wohnen nimmt solche Einstellung direkten Einfluss. Ich habe im Kernstadtbereich Wohnungen kennen gelernt, deren Vermarktung ich abgelehnt habe und das auch wieder tun würde. Versiffte Drecklöcher für Mieten, deren Höhe angesichts der Tatsache, dass in der Heimat das Ordnungsamt die Bude schlicht und einfach räumen und dicht machen würde, eine glatte Frechheit sind. Und trotzdem finden sich dafür Interessenten - Hauptsache, es geht „in die Stadt“. Natürlich nicht der Regelfall. Je weiter es jedoch in die Peripherie geht, die Mieten erschwinglicher werden, umso mehr scheinen jedoch Eigentümer zu tun, um ihr Angebot attraktiv zu gestalten. Ist das nur ein dumpfes Bauchgefühl, das mich da umtreibt?
 
Trotzdem sind diese Angebote in den äußeren Stadtteilen deutlich schwerer zu vermitteln. Das „zu weit draußen“ ist allgegenwärtig. Viele ausgezeichnete Angebote bleiben monatelang leer stehend. Und dann schlage ich den Stadtanzeiger auf und lese von Wohnungsengpässen. In gewisser Weise skurril.
 
Aber nein, „nicht dahin“. Auch eine Aussage, die häufig kommt. Die üblichen Verdächtigen für das neue Heim sind Lindenthal, Sülz, Braunsfeld etc. Tja, da mag tatsächlich die Nachfrage das Angebot übersteigen. Dass zugleich die Lärmbelästigung an den dort hindurch führenden Hauptverkehrsstraßen moniert wird, alternativ aus meinem direkten Wohnumfeld vorgeschlagene Angebote jedoch mit „keine Anbindung“ (?), „nichts los“ oder eben dem allgegenwärtigen „zu weit draußen“ quittiert werden, trägt irgendwie Züge von Schizophrenie.
 
Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! Trifft das etwa die Stimmungslage? Wer nichts persönlich gesehen hat, mag etwas verpassen. Aber in vielen Fällen haftet dem Wohnungsangebot der Ruch der Nachbarschaft an. Nein, man sei zwar selber noch nicht da gewesen, man sei ja schließlich nicht lebensmüde. Aber schließlich „weiß man ja…“, man „hat gehört…“ usw.
 
Tja, da habe ich dann wohl etwas verpasst. Ich habe zuvor nichts „gehört“ (habe vielleicht auch nicht hingehört). Jetzt, da ich hier wohne, wirft man mir vor, wie ich angesichts meines Berufs denn nur da wohnen könne.
 
Ganz einfach! Nach Feierabend packe ich meine Sachen und verlasse das Büro. Dann schließe ich erst die Haus-, dann die Wohnungstür auf.
 
Und fühle mich wohl. Es ist ruhig, keine Gastronomiebetriebe mit Betrieb bis in die Puppen finden sich im Wohngebiet (sehr wohl eine nette Kneipe und ein gutes Restaurant, in das ich mit meinen Besuchern gern einmal zum Essen gehe). Hier findet sich das, was die betroffenen Anwohner des Belgischen Viertels sich wünschen, jedoch wohl nicht in Anspruch zu nehmen bereit wären. Ist ja „weit draußen“. Oder so ähnlich.
 
Und morgen früh geht’s dann wieder zum Bäcker an der Ecke, wo mir die nette Verkäuferin ungefragt meinen Kaffee herüber reicht und alte wie auch neue Bekannte begegnen.
 
Ob ich noch einmal umziehen werde? Wer weiß? Eine wie auch immer geartete Notwendigkeit sehe ich nicht. Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme, aber im Grunde meines Herzens bin ich ein sesshafter Mensch und kann mir gut vorstellen, hier alt zu werden.
 
Ganz „weit draußen“. Und trotzdem so nahe an einer Stadt, die mir irgendwie ans Herz gewachsen ist. Aber hoppla, jetzt mache ich ja schon das Gleiche, was ich bei Einheimischen kritisiere: ich bin „nahe der Stadt“, deren Stadtteil Bocklemünd doch ist. Oder irgendwie doch nicht?
 
Mmh – seltsam, das! Werde ich auf meine alten Tage etwa doch noch zum „Kölner“?
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Kommentare | 1 bis 8 von 8 Kommentieren
02.05.2012 | 14.43 Uhr | DatDing Hallo, jemand der in "der Siedlung" aufgewachsen ist, sieht das wohl anders. Meine Mutter nannte ihre Wohnung nach 43 Jahren in der Börnestraße immer noch "Neubauwohnung". Schon Ende der 60er Jahre wurden hier Sozialwohnungen verschiedener Kategorien angeboten. Am Ollenhauerring heizte man bis vor ein paar Jahren noch mit Kohleöfen, wobei die anderen Sozialwohnung Fernwärme hatten. Dazu kommt ein nicht unerheblicher Teil an ETW und nicht zu vergessen: die Bungalows. In den 70ern noch mit Jägerzaun, hatte man sich im Laufe der Jahre Mäuerchen geleistet, teilweise mit Glasscherben obenauf. Ich kann nur von einer "hoher-Asi-Faktor" Kindheit berichten, wo einem regelmässig auf dem Weg zur Schule (Dorf) das Milchgeld geklaut wurde von A.F. und seinen 14 Geschwistern...Noch im letzten Monat wurde am Buschweg auf die Linie 127 an mehreren Tagen (Nächten) geschossen. Danach die 20 Jahre in Ehrenfeld haben mir besser gefallen. Nun bin ich aufs Land gezogen, mit Garten, und will nicht tauschen!
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01.05.2012 | 11.04 Uhr | Profil gelöscht 'Schön' wohnen heißt für mich:
geräumig, Baum sichtbar, fantasielose Hochhaus-Wohnburgen möglichst nicht zu erblicken, Einkaufs- und Ausgehmöglichkeiten fußläufig zu erreichen.

Zentrumsnähe?
Ein Gewinn!
Die wirklich interessanten Angebote/Aufführungen sind nur in Ausnahmefällen an der Peripherie zu finden...
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30.04.2012 | 16.33 Uhr | checkmate Da kann ich nicht mitreden. Ich wohne seit 1937 in derselben Wohnung. 1954 bis 1957 war ich in Berlin. Kriegsende +- habe ich in einem 7-Seelen-Kaff bei Eckenhagen bei Johanna Krumm gehaust. Dort habe ich auf dem Herzchenklo unter der Treppe Hitlers "Mein Kampf" gelesen. Deshalb bin ich naziverdächtig und darf beim KStA nur kontrolliert schreiben. Jedes Wort ...
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30.04.2012 | 08.36 Uhr | Profil gelöscht Tja, Lemm(y)i, die Dame vom Stadtanzeiger bestätigt mithin, was ich über so manchen Kölner im Beitrag erwähnt habe: so musste ich zu Beginn meiner Tätigkeit hier in einem Fall klarstellen, dass Lindweiler ein Stadtteil Kölns und bitte nicht etwa mit Lindlar zu verwechseln ist.
 
Das Görlinger-Zentrum hat schon jetzt optisch hinzu gewonnen. Ob das aber ausreicht, die Vorbehalte auszuräumen? Hätte mich meine heutige Vermieterin nicht schon gekannt, wäre es mit meiner Wohnung nichts geworden. Die Ansage zuvor war eindeutig: "Niemand aus der Siedlung!" Wieder was gelernt. Alt-Bocklemünd ist etwas Besonderes, die nicht mehr so neue Neubausiedlung dagegen "die Siedlung" geblieben.
 
Und Deinen Tipp Belvederebrücke habe ich schon lange auf meiner Liste. Aber ich fürchte, die wird das Schicksl des heimatlichen Schieferbergwerks teilen, das ich über 20 Jahre mal hatte besichtigen wollen.
 
Es war wohl zu nah. Bei einer Vereinstour in die Mosel hat man mir dann ein anderes Bergwerk gezeigt.
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29.04.2012 | 16.30 Uhr | ing.lambertz Zum Dritten noch der Link zu der GAG Aktionärsfahrt 2011
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29.04.2012 | 16.27 Uhr | ing.lambertz Hier noch ein Tipp für deine abendlichen Fahrradtouren:
 
Die Belvederebrücke.
 
Führt als Fußgänger- und Fahrradbrücke über die Bahn und den hier vierspurigen Militärring und verbindet so wunderschön die beiden Stadtviertel Müngersdorf und Vogelsang. Umgekehrt natürlich auch ;-).
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29.04.2012 | 16.23 Uhr | ing.lambertz Hallo Realist,
 
Klasse. Das ist einmal die Darstellung des Wohnungsmarktes und der Wohnungssuchenden aus der Erfahrung eines Insiders. Zugegeben bezüglich Görlinger-Zentrum muss ich mich selbst an die Nase packen. Da hast du auch bei mir ein Vorurteil getroffen. Dabei war ich letztes Jahr mit der alljährlichen Aktionärsrundfahrt der GAG selbst einmal dort. Die GAG hat dort auch Immobilienbestand in Hochhäusern, die letztes Jahr noch im Endstadium der Modernisierung waren. Am 24. Mai findet die Rundfahrt in diesem Jahr statt. Vielleicht führt sie ja auch in diesem Jahr wieder durch Bocklemünd.
 
Ähnliche Vorurteile bestehen ja auch gegenüber meinem Quartier Bilderstöckchen. Sogar eine Redakteurin des KSTA schrieb einmal, dort wäre sie noch nie gewesen, nur mit der Hochbahn vorbei gefahren und verspüre auch keine Lust durch diese Straßen zu laufen. Dabei sollte doch eine der Hauptvoraussetzungen für diesen Beruf die Neugier sein. Den Namen der Dame habe ich vergessen. Ihr Glück.
 
Lemm(y)i
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29.04.2012 | 12.40 Uhr | checkmate Lage, Lage, Lage
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