Zu Gast: OB Jürgen Roters
Prominenter und einziger Gastredner war gestern Kölns OB Jürgen Roters. Thema: Gegensätzliche Entwicklung von Stadtteilen-eine Aufgabe der Stadtentwicklung ? Pläne müssen sein. Manchmal gar Masterpläne. Doch die Umsetzung ist eher zähflüssig wie ein Lavastrom. Nicht selten gar erstarrt der zunächst flüssige Magmastrom. Dann heißt es: Rien ne va plus.
 
Anhand schöner Schaubilder mit den 86 Vierteln Kölns erläuterte Herr Roters die sozialen Unterschiede in unserer Millionenstadt. Unterschiede, die sich zum Beispiel zeigen im Einkommen, in der Schulbildung, Zahl der Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund. Vingst ist nicht Marienburg, Kalk ist nicht Lindenthal. Unterschiede, die sich auch fast 1:1 im Wählerverhalten widerspiegeln: Je sozial schwächer ein Viertel, desto geringer ist auch die Wahlbeteiligung.
 
Diese Unterschiede einzuebnen, die Strukturen der Viertel anzugleichen, dies müsse ein Ziel der Politik sein. Dies sei auch sein Ziel als Oberbürgermeister dieser Stadt. Für einen Sozialdemokraten eine sicher legitime Grundsatzerklärung. Im Prinzip auch nicht falsch: Die sozialen Unterschiede sollen und können sicher nicht überall auf ein-und dieselbe Höhe rasiert werden. Diese dürfen aber auch nicht zu groß werden. Sonst kann es zu Verwerfungen, Unruhen, Spannungen kommen. Vergleichbar einem Kondensator, bei dem sich die Platten zu weit entfernen, die Spannungen so groß werden, sodass es zu Überschlägen kommt. Zu gefährlichen Entladungen.
 
In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum meinte dann ein Architekt, Gleichmacherei könne doch aber kein erstrebenswertes Ziel sein. Eher gewönne eine Stadt wie Köln ihren Reiz nicht zuletzt auch durch die belebenden Unterschiede. Hier aber glaube ich, redete man aneinander vorbei. Jürgen Roters hatte über die sozialen Unterschiede referiert, die es gelte nicht zu weit auseinander driften zu lassen. Der Sprecher aus dem Publikum meinte wohl mehr die kulturellen Unterschiede, das Multikulti. Das unserer Stadt gut Gesicht steht, solange diese friedlich und annähernd gleichberechtigt nebeneinander stehen.
 
Der Oberbürgermeister meinte den Rahmen, die sozialen Rahmenbedingungen, die für alle Bürger soweit wie möglich angeglichen werden sollten. Der Sprecher meinte die kulturellen Inhalte, die es in ihrer bunten Vielfalt durchaus zu erhalten gelte.
 
Der Masterplan von Speer kam während der Diskussion auch natürlich wieder zur Sprache. Alle sind sich einig: Das ist ein wichtiger Plan, der Richtungen vorgibt. An diesem könne man sich orientieren, auch wenn er sicher nicht Faksimile umgesetzt werde. Zumal ein Stadtkörper ja auch ein lebender Organismus ist, der sich ständig verändert. So muss sogar die Planung ständig an diese Veränderungen angepasst werden. Zur Verwirklichung ist es aber dann noch ein sehr, sehr weiter Weg. Bislang sehe ich nirgendwo auch nur einen Ansatz, die eine oder andere Idee des Masterplans zu verwirklichen. Am Ende landet auch dieser Tiger womöglich wieder nur als Bettvorleger. Wie die Megaplanung Oper und Schauspielhaus.
 
So war es auch überhaupt eine Frage in der Diskussion: Was kann die Politik in Wirklichkeit bewerkstelligen ? Angesichts der unterschiedlichen Interessen von Bürgern und Gruppen und auch angesichts leerer Kassen ? Siegen am Ende nicht doch immer die Lobbyisten mit ihrem Scheckbuch ?
 
Herr Roters hatte es leicht Kritik zu üben an der Entwicklung in Kalk mit den KölnArkaden und der Entwicklung in Ossendorf mit Ikea. Da war er noch nicht in der Verantwortung. Zumindest nicht als Oberbürgermeister. Messen aber sollten wir ihn zum Beispiel an der Zukunft des Heliosgeländes in Ehrenfeld. Auch hier will wieder ein mächtiger Investor mit einem großen Magen und einem großen Namen seine Vorstellungen von Größe, Höhe und Rendite durchdrücken. Unbeirrt von den Ängsten der Ehrenfelder Bürger und der Gefahr, dass die lebendige Venloer Straße samt ihren Zuflüssen platt gemacht wird . Der OB versprach, sich hier stark zu machen, dass nicht auch in Ehrenfeld so eine Krake entsteht wie in Kalk. Die Worte hör ich wohl…... Am Ende, fürchte ich, siegt auch hier wieder die Macht des Geldes. Das Goldene Kalb.
 
Andererseits hat ja das erfolgreiche Bürgerbegehren um Oper und Schauspielhaus Mut gemacht zur Gegenwehr. Mit der gesetzlich verankerten Institution des Bürgerbegehrens scheint tatsächlich ein Stück mehr Demokratie gewonnen zu sein. Nutzen wir es !!
 
Was kann Politik überhaupt ? Wer hat die Macht ? Die Stadt erscheint von oben und aus der Ferne betrachtet vielleicht wie ein Ameisenhaufen. Nur, ein Ameisenhaufen ist sowas wie ein perfekter Ständestaat. Jedes Glied der Gemeinschaft hat seine und nur diese eine Aufgabe. Funktionieren ist der Ameise oberste Pflicht. Es gibt Soldaten, Arbeiterinnen, die Königin usw. . Eine menschliche Ordnung, zumal eine demokratische, besteht jedoch aus einzelnen Individuen und Gruppen mit unterschiedlichen, oft gegensätzlichen Interessen. Ein Zusammenspiel funktioniert hier nicht von allein. So muss Planung und Lenkung zwar sein, aber meistens kommt es anders als gedacht.
 
Zum Schluss aber noch eine Bemerkung von Jürgen Roters, der ich zustimmen möchte. Aus dem Publikum kam der Hinweis auf das jüngste Städteranking über Lebensqualität, bei dem Köln wieder einmal nicht auf den vordersten Plätzen zu finden ist. Hier meinte der OB, und wie ich meine zu Recht, solche Rankings darf man auch nicht überbewerten. Tatsache sei doch, das Köln zum Beispiel auf junge Leute und auch Unternehmen eine große Anziehungskraft ausübe. Die Jugend drängt aus der provinziellen Enge in das quirlende, multikulturelle Leben einer Großstadt wie Köln. Bestes Beispiel hierfür ist für mich der Druck auf die Universität: Wenn schon studieren, dann bitte in Köln.
 
Aber sogar die Alten drängen heute wieder zurück vom Land in die Stadt. Hier spielt die Musik, nicht auf dem (Düssel)Dorf.
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Kommentare | 1 bis 5 von 5 Kommentieren
02.06.2010 | 14.23 Uhr | köllealaaf Klein-Tiina lauschte gebannt als ich Deinen Artikel laut las. Sie versteht noch kein Wort deutsch aber das Wort "Kalk" (vielleicht hatte ich es auch besonders betont) brabbelt sie nun in einem fort.

Mist, nach einem knappen Jahr im Ausland und der festen Absicht für immer hier zu bleiben, bekomme ich das erste mal so richtig Heimweh noh Kölle....

Jetzt sorge ich, dass Klein-Tiina ihren Mittagsschlaf hält, setze mich in den Garten, locke Nachbars Katze an und wische mir ein Tränchen aus dem Auge. Ich schiebe es dann auf meine Allergie gegen Katzenhaare - denn - Indianer kriesche nit!

Sehr schöner Artikel!

køllealaaf
 
P.S.: Ich hatte vorhin eine missverständliche und unbedachte "Unterschrift" unter meinen Kommentar gesetzt.
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02.06.2010 | 09.11 Uhr | Roeschen seinen Platz hatte. Wohnen, Freizeit, Arbeit, Einkaufsmöglichkeiten, und zwar für alle Altersgruppen, Sozialschwachen und besser gestellten Verdienenden. Das war toll....Aber wo werden solche Modelle Wirklichkeit.
 
Leider ist es so, dass eigene Interessen, dadurch Klüngel und Zuschusterei, Unüberlegtheit und somit Strukturen entstehen, die dann zu solchen Entwicklungen führen, seufz...
 
Ich kann mich nicht so gut ausdrücken, aber ich hoffe, Du weißt, wie ich es meine:-)
 
Ich habs gern gelesen, bin ich doch wieder ein wenig über meine Heimatstadt Köln informiert worden und zwar aus erster Hand:-)
 
VG Roeschen
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02.06.2010 | 09.08 Uhr | Roeschen Hallo Lemmy(i):
 

Spontan ging mir der Gedanke durch den Kopf, was würde unser "Kriminologe" dazu sagen????schade, dass er hier nicht mehr aktiv ist.
 
Meine erfahrung zeigt, dass die von Dir angesprochene Problematik kein Problem der Stadt Köln ist, sondern in jeder Stadt vorzufinden ist, auch hier in Frankfurt.
 
Die von Dir gestellte Frage:"Was kann Politik?" ist genau die richtige und gäbe mehr als hundert Antworten, aber sie ist gekoppelt an die Frage:" Wer hat die Macht?"
 
Leider ist es meistens so, dass die, die Macht haben, auch wenn sie voller Idealismus gesteckt haben vor Amtseintritt, am Ende nur an das Erhalten ihrer Macht denken und nicht an das Wohl des von ihnen zu Regierenden. Dazu kommen eigene Gier nach Reichtum und Besitzstand.
 
Ich erinnere mich an ein Projekt, an dem meine Tochter in ihrem Studium zusammen mit Geologen, Architekten und Wirtschaftsleuten gearbeitet hat. Sie hatten ein bestimmtes Areal zugewiesen bekommen, dass sie so gestalten sollten, das alles
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02.06.2010 | 09.01 Uhr | Zabaione Guten Morgen Lemmi, die Durchmischung bestehender Ghettos wird wohl schwer möglich sein, weil sozial besser gestellte Menschen, wollen da gar nicht wohnen,wenn es die Substanz nicht hergibt, wie z.B. in Chorweiler oder in Ossendorf.
Anders ist es mit so alten Vierteln wie in Höhenberg, die können wenn saniert, durchaus Charme haben. Es sollte eine Quote für die Investoren von Masterplänen geben .z.B. 25 % Sozialwohnungen, z.B. am Südkai;-)!
Sind wir doch mal ehrlich, davon bleiben doch meistensnicht mal leere Worthülsen übrig.
Wie sagte es der Architekt so trefflich"Gleichmacherei könne doch aber kein erstrebenswertes Ziel sein. "manche werden immer gleicher bleiben.

lg
Zabaione
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02.06.2010 | 07.03 Uhr | franxville (Hüstel)Warum ist diese Betrachtung so ungleich vitaler als der in der Printausgabe? (auha, jetzt habe ich es mir mit einem Redakteur verdorben...)
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