Der Beat des schlimmen Fingers
 
Ich liege darnieder. Und bin, wenn auch nicht ernsthaft erkrankt, so doch ausführlich malad. Gern würde ich jetzt in die Tastatur drücken, dass meine körperliche Angeschlagenheit eine logische Folge von jahreszeitbedingter Feierei ist. Die Behauptung aber, ich sei an Karneval ein schlimmer Finger gewesen, wäre glatt gelogen. Wahr ist vielmehr: Ich habe einen schlimmen Finger. Diagnose: Panaritium. Umgangssprachlich: Nagelbettentzündung. Wissbegierige Nicht-Mediziner aus der PopBlog-Fankurve mögen jetzt getrost eine Runde googeln, den Hartgesottenen empfehle ich außerdem das Bild, das Wikipedia zum Thema bereithält.
 
Angefangen hat die so leidige wie schmerzhafte Geschichte Weiberfastnacht. Erfahrene Köln-Bewohner wissen, dass man an diesem Tag alles Mögliche machen kann – hemmungslos moosdoofe Karnevalslieder grölen, literweise obergäriges Bier-Imitat inhalieren, die Zuckerkörner auf Berlinern zählen –, eines aber tunlichst vermeiden sollte: krank zu werden. Unter dem Deckmäntelchen der Brauchtumspflege sind die Gesetzte zivilisierten Zusammenlebens bis Aschermittwoch außer Kraft gesetzt, wer nicht mitmachen möchte, ist aus der Stadt geflohen, und bei dieser Flucht waren auch die Ärzte meines Vertrauens ganz vorne mit dabei.
 
Was zur Folge hatte, dass ich mich nach einer so schlaflosen wie schmerzhaften Nacht am Karnevalsfreitag in der Ambulanz eines Krankenhauses einfand. Die ersten beiden Kuppen meines rechten Zeigefingers sind zu diesem Zeitpunkt ungefähr so dick wie zwei BiFis, die Eiterbeule pocht und pocht und pocht, jeder Herzschlag ist ein neuer Stich ins Schmerzzentrum. So muss sich ein unschuldiges Birkenbäumchen fühlen, wenn es unter den Schnabel eine Spechts mit ADHS gerät, der sein Ritalin nicht genommen hat. Keine Frage: Ich fühle den Beat des schlimmen Fingers.

“The first cut ist the deepest”, summe ich vor mich hin, als der diensthabende Arzt das Skalpell zückt, was sich aber – und da kann Cat Stevens ausdrücklich nichts dafür – als Trugschluss erweist. To make a long Leidensgeschichte all little bit shorter: Bis einschließlich Karnevalsdienstag werde ich vier Mal in ebenjener Ambulanz vorstellig geworden sein, ich habe ob meines lädierten Fingers zirka 20 Stunden im Wartezimmer angesessen, und der Arzt, der bereit ist, mir zum vierten Mal in den Finger zu säbeln, schmettert mir, obwohl Howard „Howie“ Carpendale“ optisch alles andere als ähnlich, ein beherztes „Hello Again“ entgegen. Gut möglich, dass ich diese goldene Schlagerzeile nur phantasiere, ich bin im Schmerzenswahn, poch-poch macht der Finger, und auch: tock-tock. Doch was immer zeigefingerwärts auch los ist, unstrittig ist: Der diensthabende Arzt ist der von Schnitt Nummer eins, also doch: „Hello Again“.
 
Aschermittwoch. Abgesehen davon, dass Karneval in dieser Stadt niemals vorbei ist, macht auch mein Zeigefinger weiter auf Dauer-Rum-ta.ta. Immerhin: Niedergelassene Ärzte machen ihre Praxen wieder auf. Ich gehe zu einem, arbeite ausdauernd an den Wartezimmerstunden 21 und 22, der Soundtrack zu meinem Zustand entspricht exakt dem Titel eines Yo-La-Tengo-Albums aus den Neunzigern – Ratefüchse und -füchsinnen wissen es längst, für alle anderen: „Painful“ –, der Arzt spendiert Vertrauen, reichlich Schmerzmittel und Antibiotika, und anderntags macht er, was man seit 2000 Jahren an Stellen macht, in denen Eiter ein Zuhause hat. Er schneidet in die Eiterbeule rein; der Schnitt mit der laufenden Nummer fünf lebt, pocht, klopft, wummert.
 
Auf dem Heimweg brabbele ich meiner Hand ein hilfloses „And The Beat Goes On“ entgegen (im Original von Sonny & Cher, ich empfehle die Coverversion von der englischen Vollspacken-Formation All Seeing I), derweil mein verbundener Finger aussieht wie eine Weißwurst, über die justament eine Dampfwalze gebrettert ist. Von der Gesamtsituation zunehmend mürbe, schicke ich meine beiden Zivis nach Hause; auf dem Sofa jammerlappen kann ich schließlich auch alleine. Blöde bloß, dass Thorben-Hendrik und Malte-Olaf die Fernbedienung weggeschlossen haben. Gezwungenermaßen gucke ich Curling, hörte mir klaglos Reportermumpitz der Sorte „Das ist wie Schach auf dem Eis“ an, wälze meinen Finger in einem Cool Pack und schlafe schließlich ermattet ein.
 
Ich träume unruhig, und was ich hinterher noch zusammenkriege, ist durch die Bank grausam. Helene Hegemann möchte, dass ich an ihrem 18. Wiegenfest auflege; ich packe nur einen Song ein: „Unhappy Birthday“ von den Smiths. Weiter in meinen wilden Träumen: Plagiatsvorwürfe gegen J. K. Rowling. Der schreckliche Verdacht: Sie soll Passagen aus Helene Hegemanns Blog abgeschrieben haben. Möchte gerne ein paar Freunde anrufen. In erster Linie, um endlich mal den Satz „Reitet alleine weiter, ohne mich seid ihr schneller“ loszuwerden. Dabei kann ich gar nicht reiten, und ein Pferd habe ich ohnehin nicht. Ein Telefon übrigens auch nicht. Weggeschlossen. Echte Arschgeigen, diese Zivis von heute. Werde, sobald ich wieder einigermaßen auf dem Damm bin, Thorben-Hendrik und Malte-Olaf entlassen müssen.

Freitagabend. Verlasse erstmals seit gefühlten fünf Wochen das Haus, ohne das eine Apotheke und/oder ein Arzt das Ziel meiner Miniatur-Reise ist. Im Gebäude 9 konzertiert Jamie. T. Bevor er das tut, zeige ich ausgewählten Konzertgängern auf Nachfrage beeindruckende Bilderserien von meinem Zeigefinger, selbstverständlich im nicht verbundenen Zustand. Diejenigen, die keine Bilder sehen wollen, mich aber auf den Verband ansprechen – „Was hast du denn da gemacht?“ – werden auch bedient. „Wollte mit E.T. telefonieren. Kein Netz gehabt, Kurzschluss, Kabelbrand“, ist meine Standardantwort.
 
Jamie. T zeigt dann, dass er wahrlich ein Win-Win-Brite ist. Sozusagen ein Engländer-Engländer. Kopfkissenfrisur, gepaart mit der Lässigkeit eines streunenden Hundes und dem Parfüm des gut durchtrainierten Tresenstehers. Die Sache mit den Drugs and Rock’n’Roll nimmt er bierernst, beziehungsweise: das Bier spült er mit Wodka runter, mit zunehmender Konzertdauer gehen die Ansagen zwischen den Liedern komplett in die Hose, aber die ellenlangen Songtexte über lange Londoner Nächte und die Morgen nach dem Abend davor sprudeln nur so aus dem 24-Jährigen heraus. Was für ein fabelhafter Rotzlöffel Jamie. T doch ist – den kann man weltweit in jede Fankurve stellen: Der Bursche macht aus der Angelegenheit sofort ein Heimspiel. Zur Feier des Tages lasse ich es richtig krachen und trinke alkoholfreies, Antibiotika-kompatibles Bier.
 
Zu Hause angekommen, setze ich noch einen drauf: Spontan bemale ich mit Lebensmittelfarbe meine Tabletten. So viel Rock’n’Roll muss dann doch sein: Ich werfe also ein paar bunte Pillen ein. Vielleicht werde ich gleich noch mal versuchen, E.T. zu erreichen. Und morgen gehe ich wieder zum Arzt, Verbandswechsel. Mein Zeigefinger jedenfalls ist jetzt schon auf Empfang. And the beat goes on…
 

Lesen Sie in der nächsten Folge von KuschelnTanzenAnspruch, warum der Radiosender 1LIVE täglich bis zu 23 Mal Titel von Pink spielt; diskutieren Sie im PopBlog-Forum die Frage „Nena – ayurvedisches Drogenopfer oder einfach nur lästige Eso-Tante?“ – und erfahren Sie exklusiv, ob Bryan Adams und Michael Bublé bei ihren Olympia-Songs für ARD und ZDF gedopt waren.
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Kommentare | 1 bis 4 von 4 Kommentieren
26.02.2010 | 07.09 Uhr | Zabaione P.S. Ingwer hilft doch nicht (immer) ;-)!
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23.02.2010 | 08.45 Uhr | ing.lambertz Hallo Popblog,
 
eine etwas andere Art von Stinkefinger :-(.
 
Na dann: Baldige Genesung.
 
Wünscht
Lemm(y)i
 
PS Die Sache mit Wikipedia habe ich mir - feige - verkniffen.
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22.02.2010 | 23.36 Uhr | Zabaione mein Mitgefühl ich empfehle zur Zeit jedem frisch geriebenen Ingwer (überbrüht mit kochendem Wasser, ob die Brühe auch gegen schlimme Finger hilft weiß ich nicht, das "Kind" und andere um mich herum alle krank , außer mir;-) jetzt muß ich dringend aufhören.....meine Prophezeiungen kehren sich manchmal um.........
 
gruß
Zabaione
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22.02.2010 | 14.17 Uhr | Profil gelöscht @Popblog
na dann noch gute Besserung. Bist du immer deiner Zeit voraus? Zwar ist nach Karneval immer noch vor Karneval, dass du aber "Köln hat was zu beaten" so wörtlich nimmst, hätte ich nicht gedacht.
 
Nicht, dass wir irgendwann mal was über dich in Cologne calling sehen. Der Höhenflug des Popbloggers und sein tiefer Sturz in den Köln beat.
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