Onkel Jürgens Musikantenstadl

Die Welt ist mitunter ein seltsamer Ort. Ich drücke diesen Satz unter anderem in die Tastatur, weil ich noch unter dem Eindruck der Jahrestagung des Bundesverbandes zur Förderung des chlorgestützten Badewesens stehe. Einzelheiten, die ich während der Versammlung erlebt und erlitten habe, möchte ich der PopBlog-Leserschaft ersparen; nur so viel sei an dieser Stelle geschrieben: Die Jahrestagung in der Version 2010 war gespickt mit Nicklichkeiten, und dabei waren die Diskussionen um die vorschriftsmäßige Dauer zwischen Einleitungsbeschlüssen und Verabschiedungsbeschlüssen (Paragraph 12 des Regelwerks) bei weitem nicht die seltsamsten.
 
Vom Bundesverband zur Förderung des chlorgestützten Badewesens zu Jürgen Rüttgers ist es normalerweise ein weiter Weg. Zum einen, weil man sich den Freund aller Inder und international anerkannten Fachmann für die Arbeitsmoral der Rumänen höchst ungern in Badehose vorstellt. Und dann natürlich auch, weil der partiell mit sozialdemokratischer Wandfarbe überpinselte konservative Landesvater von Nordrhein-Westfalen aktuell natürlich Wichtigeres zu tun hat. Es ist Wahlkampf in NRW, und da kann sich eine intellektuelle Lichtgestalt wie Rüttgers nun wirklich nicht um so banale Dinge wie Schwimmbadwasser, Chlorgehalt und öffentliches Badewesen kümmern. Ein Mann von Rüttgers’ Format hat in einer solchen Situation qua Natur die wirklich relevanten Themen auf der Agenda.
 
Aus diesem Grund möchte der Ministerpräsident von NRW verstärkt deutsches Liedgut fördern und so den „kulturellen Reichtum“ retten. Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Quellen verlautete, sind diesbezüglich unter dem Projektnamen „Onkel Jürgens Musikantenstadl“ bereits erste Arbeitsgruppen gegründet worden, in enger Zusammenarbeit mit der Hörfunkwelle WDR 4 („Schönes bleibt“) wird zudem bereits am kommenden Donnerstag pünktlich um 12 Uhr mittags die erste Radio-Casting-Show Deutschlands auf Sendung gehen. Zudem wurde bekannt, dass am vergangenen Freitag in der Kantine des NRW-Landtages nicht nur Forelle nach Art der Müllerin und Leberkäs’ Hawaii auf dem Speiseplan standen, sondern auch die Gerüchteküche heftig brodelte: Angeblich haben die Landtagsabgeordneten nach der Initiative von Rüttgers ebenso spontan wie fraktionsübergreifend erste Singkreise gebildet.
 
Was wieder einmal beweist, dass Jürgen Rüttgers erstens Themen und zweitens Schwerpunkte setzen kann. Ob der sympathische Menschenfischer allerdings auch so visionär ist, wenn es darum geht, traditionelles Liedgut mit aktueller Populärmusik aus deutschen Landen zu verheiraten, ist bisher nicht bekannt. Der PopBlog jedenfalls hat da ein paar Anregungen parat, die nicht nur bis zu 243 Stimmen extra pro Wahlkreis bringen, sondern garantiert auch jedem Geschmackszentrum schmeicheln. Die folgenden Tipps, eine zünftige Verquickung von Tradition und Moderne, sind absolut hip. Erst- und Jungwähler werden sich bei Wechselwählern beherzt einhaken und ein fröhliches Stelldichein feiern, das es in dieser emotionalen Dichte in Nordrhein-Westfalen noch nicht gegeben hat.
 
Wenn Ministerpräsident Jürgen Rüttgers auf folgende Songs setzt, ist die Sache mit der Landtagswahl quasi geritzt.
 
# „Kein schöner Land in dieser Zeit“ in der Version von Herbert Grönemeyer inklusive einer aktualisierten Textzeile zum Thema Opel, Produzent: Rick Rubin
 
# „Alle Vögel sind schon da“, gerappt von Bushido, Trompeten-Samples von Stefan Mross, Arrangement: James Last
 
# „Im Frühtau zu Berge“, gesungen von Silbermond im Remix von DJ Hell
 
# „Mein Vater war ein Wandersmann“, erstmals im Duett: Campino und Florian Silbereisen, Background-Chor: Die Söhne Mannheims
 
# Von den blauen Bergen kommen wir“ (Holzmichl-Edit), Bearbeitung von Phillip Boa feat. DJ Karl-Theodor zu Guttenberg
 
Aus gegebenem Anlass macht der PopBlog die Landes-CDU NRW an dieser Stelle darauf aufmerksam, dass die vorstehend genannten Titel erst nach Zahlung einer entsprechenden Gebühr zum Stimmenfang im Wahlkampf verwendet werden dürfen; es gelten die Konditionen, zu denen man dereinst auch Ministerpräsident Jürgen Rüttgers für ein 15-minütiges Exklusiv-Gespräch mieten konnte.
 
Vielen Dank, beste Grüße und denken Sie bitte, bei aller Liebe zum Volkslied, stets auch an diesen goldenen Satz: Zukunft ist für uns alle gut!
 
Hochachtungsvoll, der KStA-PopBlog
 
Lesen Sie in der nächsten Folge von KuschelnTanzenAnspruch, warum sich Howard Carpendale und Marius Müller-Westernhagen zurzeit schlimmer streiten als Tom und Jerry; diskutieren Sie im PopBlog-Forum die Frage „Rosenblütenbad im Whirlpool mit Ganzkörperreisölpackung – Entspannung für Körper und Geist oder überteuertes Chi-Chi der Wellness-Industrie?“ – und erfahren Sie exklusiv, welche mottenkugeligen Witze das Moderationstalent Guido Cantz für die nächste „Verstehen Sie Spaß?“-Ausgabe frisch blondiert.
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Kommentare | 1 bis 2 von 2 Kommentieren
13.04.2010 | 07.30 Uhr | ing.lambertz Hallo Popblog,
 
aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen will sich ein Minister des Koalitionspartners mit dem Lied: Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein
an der Radio-Casting-Show beteiligen. Für die Anfahrt zu dem Festival stellt Renault werbewirksam sein rosafarbenes Sondermodell Schwingo zur Verfügung. Natürlich unentgeldlich.
 
Gruß Lemm(y)i
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12.04.2010 | 22.10 Uhr | Zabaione Hottenbach bekommt jetzt auch Internet und während sich der ein oder andere Stadtmensch fragt, ob die ein oder andere Topfpflanze ins Weltkulturerbe aufgenommen werden soll und unter dem Kopfkissen nach Erbsen sucht, die seiner Meinung nach in den Topf gehören, hast du mich wieder gut unterhalten.

Danke und Gruß
Zabaione
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