Festival des Elends oder:
Die Folter endet nie
 
Es gibt ein paar Dinge im Leben, die man tunlichst vermeiden sollte, wenn man seine Gedankengänge nicht regelmäßig mit Kernseife schrubben möchte. Das Lesen von Eckart-von-Hirschhausen-Büchern gehört zweifellos dazu, des Weiteren der Besuch von James-Blunt-Konzerten, und natürlich sollte man sich auch schleunigst absentieren, wenn irgendwo der ewige Klassenkasper Oliver Pocher auftaucht. Ebenfalls keine gute Idee ist es, den Fernseher einzuschalten, wenn man im Grunde genommen schon durch die Tür ist. Am vergangenen Donnerstag tat ich es dennoch.
 
Geschniegelt und gestriegelt wie ich war – nicht nur meine Häkelgamaschen saßen eins a, auch meine Gesinnung war vollkommen faltenfrei –, spinkste ich aus Versehen ins Vorabendprogramm der ARD. Zu einer Zeit, in der ansonsten Florian Weber mit der Ausstrahlung eines halb aufgetauten Fischstäbchens die Quizshow „Das Duell“ moderiert, wurde auf einmal schwer auf jugendlich, schrill und hypermodern gemacht. Es galt, live vom Roten Teppich der ECHO-Verleihung zu berichten, und weil die Fernsehanstalten der ARD für solche Fälle kein eigenes Personal haben, hyperventilierten auf der festiven Auslegeware Hadnet Tesfai und Stefan Michme. Man kann die beiden Namen getrost gleich wieder vergessen, nur der Vollständigkeit halber: Frau Hadnet ist ansonsten bei MTV zugange, Herr Michme bei Radio Sputnik respektive Radio Fritz.
 
„Die Promis rasen vorbei wie nix Gutes“, krakeelten die beiden Hipness-Darsteller, und wer jetzt gedacht hatte, dass mindestens Robbie Williams im Anmarsch war, Arm in Arm mit Sade, sah sich getäuscht. Zum Kurzinterview bereit stand der sprechende Kochlöffel Tim Mälzer. Ja, auch wenn die ARD hin und wieder spontan auf Red Bull macht und anderswo der klebrige Pulsbeschleuniger mit Wodka kredenzt und mit bunten Pillen gemischt wird – im Ersten wird das Energie-Gesöff immer noch mit Klosterfrau Melissengeist gemischt. Ich schaltete ab, verließ das Haus, nahm all meinen Mut zusammen und enterte einen Zug der KVB.
 
Auf dem Weg zum Konzert gingen mir ein paar Fragen durch den Kopf, die im Zusammenhang mit dem „Echo“ nicht ganz unwesentlich sind. Würden es die Kastelruther Spatzen schaffen, ihren 243. Echo abzuräumen? Oder ist diesmal die Konkurrenz, bestehend aus den Amigos, Hansi Hinterseer, dem Nockalm Quintett und last, but not least, den Zillertaler Zipfelbuben, doch zu groß? Und wie sieht’s aus mit der Bausparvertrag- und Angsthasen-Band Silbermond? Können die Musiker um die in jeder Hinsicht charismatische Frontfrau Stefanie Kloß den Preis als bester Live-Act einheimsen? Oder würde der Bundesverband der Bausparer gemeinsam mit dem Verein deutscher Angsthasen die Silbermond’sche Nominierung doch noch zu verhindern wissen, weil beide Organisationen es ein für allemal leid sind, stets in Zusammenhang mit den Musikern aus der ostdeutschen Metropole Bautzen genannt zu werden? Und vor allem: Würde einem der Laudatoren bei seiner Lobrede ein Bonmot aus dem Mund purzeln, das man sich jederzeit vorbehaltlos auf beide Oberarme tätowieren lassen würde?
 
Fragen über Fragen, deren Beantwortung erst einmal auf Eis gelegt war. Der schienengestützte Personennahverkehr hatte seinen Job erledigt, den Rest des Weges zum Konzertort legte ich zu Fuß zurück. Ob es der so kalte wie trübe Winterabend war, der meine Gedanken über die aktuelle Popwelt noch mehr verdunkelte, weiß ich nicht. Unstrittig ist jedenfalls, dass die Schanzenstraße in Köln-Mülheim ein ungastlicher Ort ist – und dass ich, durch diese ungastliche Gegend wandelnd, an das denken musste, was ich kürzlich im „Rolling Stone“ gelesen hatte. Zu einem wahrlich brisanten Thema hatte sich dort Hauptmann Christian Wahl von Radio Andernach geäußert. Und unter anderem rausgelassen, welche Musik zu bestimmten Jahreszeiten für Soldaten im Kriegseinsatz absolut tabu ist. Während der Karnevalszeit stand zum Beispiel der beliebte Gassenhauer „Viva Colonia“ von der amtlich anerkannten Schnäuzer-Sammelstelle „De Höhner“ auf dem Index.
 
Als großer Fan von Liedgut, dass man auch nach dem zehnten Bier und mit der Restfunktion von zwei Synapsen noch ohne Schwierigkeiten mitgrölen kann, bedauerte ich die Entscheidung natürlich sehr. Die Begründung von Hauptmann Wahl für die jahreszeitbedingte Indizierung kann ich allerdings bis heute nachvollziehen. „Ein Soldat sitzt im Panzer in Afghanistan und hört Radio Andernach. Wenn er Pech hat, fliegt er in die Luft und kommt nicht wieder. Dem kann ich ‚Do simmer dabei, dat ess prima’ nicht zumuten.“ Soweit der Musikfachmann in Uniform.
 
Nach dem guten Konzert ist vor den nächsten schlimmen Nachrichten, das Festival des Elends komplettierte sich. Die Selbstbeweihräucherungs-Sause der seit vielen Jahren fröhlich vor sich hinsiechenden Musikindustrie war mittlerweile zu Ende. Die Kastelruther Spatzen gewannen tatsächlich ihren 243. Echo. Silbermond wurde als bester Live-Act prämiert. Und Marius Müller-Westernhagen gelang als Laudator folgender Satz: „Musik ist Nahrung für die Seele.“ Wer danach noch Hunger hat, ist ein komplett unkritischer Vielfraß; alle anderen sind auf ewig pappsatt.
 
Schön und gut und wahr immerhin, dass das Konzert des Abends als Gegengift wunderbar nachwirkt. Die vier Musiker von Tocotronic haben erst gar keinen Gedanken daran verschwendet, mit dem Nörgeln aufzuhören, in ihnen wohnt eine elementare Wut. Unter anderem deshalb, weil ihnen das spezialdemokratische Kunstverständnis, dass man Kritik nur in einem bestimmten Rahmen üben darf (das Bands wie Silbermond, Revolverheld und die Sportfreunde Stiller mit ihrem peinlichen Sicherheitsdenken aus dem Meer des Seichten seit Jahren in die Charts spült) komplett gegen den Strich geht. In „Die Folter endet nie“, einem der besten Songs des aktuellen Albums „Schall und Wahn“, ist dieses Gebaren prächtig zusammengefasst: „Eine Lanze/ Für den Widerstand/ Ein Tanz für die Ästhetik/ Eine Flanke gegen die/ Gegebenheiten und/ Von heute an/ Leben wir ewig.“
 
Und die Ewigkeit, so viel ist klar, fängt jeden Tag aufs Neue an.
 
Lesen Sie in der nächsten Folge von KuschelnTanzenAnspruch, welches Lied von Ich+Ich sowohl in der Favoritenliste von Manfred Amerell als auch in der von Michael Kempter ganz oben steht; diskutieren Sie im PopBlog-Forum die Frage „Carmen Nebel – die Nebel des Grauens oder verständnisvolle Show-Mutti?“ – und erfahren Sie exklusiv, mit welchen Vokalübungen sich H.P. Baxxter backstage für die Auftritte mit Scooter warmsingt.
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Kommentare | 1 bis 2 von 2 Kommentieren
09.03.2010 | 17.16 Uhr | Braves Mäuschen Habe nach wie vor nix geschnallt und überlege gerade, welche Mittel gegen Verzweiflung angebracht wären.
 
Popblog, könntest Du nächstes mal etwas schreiben, was ich verstehe? Quantenphysik oder so? Über Liebe geht auch. Aber keine Sujets bei Shakespeare abgucken! Bei Helene Hegemann übrigens auch nicht, sonst wäre es schon so ziemlich extreme Sache. Dat kann ich nicht ertragen, dafür bin ich ein zu braves Mäuschen... so ein Scheu-Ding, wie meine Tochter sagt.
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09.03.2010 | 11.39 Uhr | Roeschen Ich hab mich köstlich amüsiert:)
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