Am Anfang ist das Ei - das Material. Und es stellt mich vor große Anforderungen. Denn es muss in erster Linie von einem Huhn stammen. Und dieses Huhn sollte ein zufriedenes Landhuhn sein und eines mit deutschem Qualitätsstandard nach DHN (Deutsche Hühner-Norm). Das klappt nur, wenn die Voraussetzungen stimmen, wenn es mit seinen Kolleginnen eine naturgrüne Wiese bevölkern darf, auf der es sich glücklich laufen, picken und scharren lässt.
 
Meine Favoritin heißt "Angelina". Sie ist ein sehr schönes Huhn. Darum muss der flotte, zugegeben ebenfalls nicht unattraktive, aber voyeuristisch veranlagte und stets zudringliche Hahn namens "Brad" auf Abstand gehalten werden. Denn Fleischeslust darf meine "Angelina" nicht vom Wesentlichen ablenken.
 
Dies ist die erste Grundvoraussetzung. Darüber hinaus muss gewährleistet sein, dass sich "Angelina" - wenn ihre Zeit gekommen ist - auf ein behagliches Nest im Trockenen freuen und in Ruhe und Entspanntheit, ggfs. bei einem Violinkonzert von Anne-Sophie Mutter, auf ihre Niederkunft warten darf.
 
Wer aber kann mir als Schöpfer eines kunstvollen Spiegeleis derartige Prämissen garantieren? Niemand. Nicht einmal die kecke, schnuckelige Bäuerin, die mich mit honigsüßen Worten vom Luxusleben ihres Federviehs und von der exklusiven Qualität ihrer Produkte in den Größen S, M, L und XL zu beschleimen sucht. Nein, so wie der Spitzenkoch das Angebot des Marktes persönlich prüft, so braucht es auch meinen persönlichen Einsatz an der Hühnerfront. Zugegeben, das ist einiger Aufwand für ein einzelnes Spiegelei. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
 
Warum halte ich mich so ausführlich mit dieser Einleitung auf? Ganz einfach: Die ewig gültige Gleichung eines alten Lateiners "Mens sana in corpore sano" lässt sich sinngemäß aktualisieren: "Materia sana in mens sana", was soviel heißt wie "nur gesundes Material führt zu geistige Erhellung".
 
Die Pfanne sollte nach Möglichkeit rund sein. Nur dann erfahren wir diese tiefe Harmonie, diese künstlerische Identität von Material und Werk. Eckige Eier mögen die Avantgardisten entzücken, aber runde entsprechen doch eher dem Kunstverständnis der Traditionalisten. Und ich bin nun mal Traditionalist.
 
Ich werde die Pfanne nicht zu stark erhitzen, bevor ich zwei gestrichene Teelöffel französischer Markenbutter in ihr versenke. Während diese sich verläuft und den Boden duftend benetzt, öffne ich durch einem liebevollen Schlag mit der Handkante das Eis. Dotter und Eigelb ziehen sich widerwillig aus der Geborgenheit ihres zerbrechlichen Panzers und flutschen schließlich unverletzt in die dunklen Abgründe meiner Pfanne. Es zischt. Aber das ist normal.
 
Wahre Kunst erweist sich durch die Mutation vom materiellen Objekt in geistige Größe, der Interpretation des Genießers. In meiner Pfanne ist diese Mutation konkreter, man könnte auch sagen profaner: Vom klaren Glibber in ein deckendes Weiß. Während sich die kreisrunde, güldene Sonne bedächtig im Mittelpunkt positioniert und an Strahlkraft gewinnt, sucht das sie umwabernde Weiß durch einen feinen, fransigen Goldrand Umrahmung. Es entsteht so etwas wie ein geschlossenes Sonnensystem in der Endlichkeit einer beschichteten Bratpfanne. Perfekt.
 
Ich räume ein, es kostet mich einige Überwindung, dieses überirdische Werk mit einigen irdischen Komponenten zu versehen. Aber etwas Meersalz und Pfeffer aus der Mühle sowie - Krönung der Perversion - eine Prise Curry machen wahre Kunst erst wirklich genussvoll.
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01.03.2010 | 19.57 Uhr | paperback writer @ lemm(y)i
 
Dementi? Um Gotteswillen: Natürlich dementiere ich: Deine Gattin Angelika hat mit Angelina nicht das geringste gemein. Die teilweise Namensgleichheit ist dem Zufall zu verdanken. Angelina heißt mein Hund. Und auch diesbezüglich dementiere ich irgendeine hinterhältige Absicht.
 
Gruß P.W.
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01.03.2010 | 14.50 Uhr | ing.lambertz Hallo pw,
 
wir waren gestern in Vaalsbroek in der Mühle. Meine Mutter hat dort ein Omelett vom scharrelkip gegessen. So bezeichnen die Niederländer sehr anschaulich ein freilaufendes Huhn.
 
Meine Frau hört übrigens auf den Rufnamen Angelika (Wenn sie denn hört). Du hast doch hoffentlich mit dem Namen Angelina nicht auf meine Frau als Freilandhenne anspielen wollen !?!!.
 
Bitte um ein Dementi. Sonst......muß ich Mia einschalten.
 
Gruß Lemm(y)i
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